„Halbexoten“, "Semi-Exoten“: Was ist das?

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„Halbexoten“, "Semi-Exoten“: Was ist das?

Beitragvon Merkur » Samstag 7. Juli 2018, 10:07

In den Ameisenforen werden gelegentlich scheinbare Fachbegriffe erfunden, so die im Titel genannten. Manche sind grob irreführend, werden aber dennoch gedankenlos weiter verbreitet, zum Nachteil von neuen Usern, denen die Terminologie ihres Hobbys noch fremd ist. Google gräbt ein paar Beispiele aus:

Ameisencafé: 2005
https://ameisencafe.de/cafe/index.php/T ... 7#post1887 Suche Ameisenart, die keine Winterruhe hält
„Natürlich kannste dich ranwagen. Ich würd mich eher an erst an "Halbexoten" wie Messor, o.ä.“

Antstore-Forum: 2010
https://www.antstore.net/forum/passende ... ml#p127329
„Auch wenn diese in Nirditalien, Österreich und zum Teil auch in der südlichen Schweiz vorkommen sind sie doch für Deutschland "Halbexoten" und die Kinder werden sie in freier Wildbahn nicht zugesicht bekommen.“

Ameisenforum: 2016
https://www.ameisenforum.de/halb-exot-r ... 55303.html
"Halbexot" Formica cf. rufibarbis - Haltungserfahrungen 2016

Ameisenforum: 2018
https://www.ameisenforum.de/brauche-etw ... ml#p414767
„Die Semi-Exoten (mediterrane Ameisen) sind eigentlich sehr pflegeleicht, die halten auch mal kühlere Temperaturen von 5-10°C aus und können die Winterruhe einfach in einem unbeheizten Raum verbringen (3 Monate bei 10-15°C - falls sie die überhaupt halten, meine Camponotus barbaricus hatten dieses Jahr keine Lust)“

Antstore-Forum: 2018
https://www.antstore.net/forum/tetramor ... 21390.html
> https://www.antstore.net/forum/tetramor ... ml#p171290
"Ach, ich hab den lieben Professor nur mit dem scherzhaften, frei erfundenen Begriff der südeuropäischen Semi-Exoten im AF getriggert (Semi-Exoten wären im sematischen Sinne übrigens noch immer Exoten).


Im Zuge der leider ausufernden Diskussion zum letzten Beispiel habe ich versucht, zu erklären, weshalb man diese Bezeichnungen vermeiden sollte:
„Der Begriff ist vor relativ kurzer Zeit in einem der Foren erfunden worden. Er ist total falsch und grob irreführend! ….
Exoten sind Organismen, die nicht autochthon sind, die also an einem Ort leben (eingeführt, im Freiland eingeschleppt), in dem sie von Natur aus nicht vorkommen. (In der Fachsprache sind das "allochthone" Organismen).
Exoten sind auch nicht nur tropische Arten, wie fälschlich oft unterstellt wird. Eine Ameisenart aus dem gemäßigten Kanada oder Nord-USA ist ebenso ein Exot bei uns, wie die nach Nordamerika verschleppte Myrmica rubra es dort ist!
Mediterrane Arten, auch wenn sie aus dem uns "benachbarten" Mittelmeergebiet stammen, sind außerhalb ihres normalen Verbreitungsgebietes Exoten.
"Mediterrane Klimazonen" gibt es auch außerhalb des Mittelmeergebietes, in anderen Regionen der Erde.

Es kann nur zur Verwirrung von Einsteigern und biologisch weniger versierten Usern führen, wenn Laien beliebig solche Termini erfinden. Leider verbreitet sich so etwas im Internet unaufhaltsam. :(

MfG,
Merkur
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Re: „Halbexoten“, "Semi-Exoten“: Was ist das?

Beitragvon Emse » Samstag 7. Juli 2018, 18:32

"Erfunden" wurde der Begriff "Semi-Exoten" für Ameisen übrigens bereits im Jahr 2006, im Antstore-Forum, aus gutem Grund in Anführungszeichen gesetzt:

[..] Es ist ja auch so, daß man nicht nur die Arten halten will, die bei einem im Garten sowieso vorkommen, sondern andere „semi-Exoten“ zB. Aus Südeuropa; ist das schon gefährlich? [..]

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Re: „Halbexoten“, "Semi-Exoten“: Was ist das?

Beitragvon Merkur » Dienstag 10. Juli 2018, 17:56

Im Antstore-Forum habe ich mich an der Diskussion nicht beteiligt, sie nur kurz überflogen. Nun habe ich mir die Mühe gemacht, dort einen ausführlichen Beitrag zu liefern. Ich füge diesen auch hier ein, damit sich die Leser des AP informieren (und mit-schmunzeln) können. ;)
Das Thema ist schließlich auch forenübergreifend von Bedeutung.

Ich werde mich hier nicht im Einzelnen in die Diskussion einmischen. Die Problematik ist uralt, ob es um Fachbegriffe oder Trivialnamen für Organismen geht. Vor 15 Jahren habe ich mich damit in der Zeitschrift der DASW auseinandergesetzt:
Buschinger, A. (2003): Wider den Unsinn “deutscher” Artnamen. - Ameisenschutz aktuell 17, 84-86.
Die Zeitschrift ist wenig verbreitet, ich bin der Autor, Mitglied der DASW, und so habe ich das Recht, den Beitrag hier einzukopieren.

ArtnamenS.1-019a.jpg
ASa-Beitrag 1. Seite
ArtnamenS2-019.jpg
ASa-Beitrag 2.Seite
ArtnamenS3-020.jpg
ASa-Beitrag 3. Seite

Es gab eine einzige Zuschrift, von einem Mitglied, mit dem Vorschlag (sinngemäß), es mögen sich doch einfach 4-5 Fachleute zusammensetzen und für die Ameisen verbindliche deutsche Namen schaffen.
In meiner Antwort habe ich (ebenfalls sinngemäß) darauf hingewiesen, dass ein solches Vorgehen bedeuten würde, dass diese Fachleute ihre knappe Zeit einsetzen müssten, dass Fahrt- und Unterbringungskosten entstehen (wer soll die tragen?), dass es im deutschsprachigen Raum schwer sein dürfte, genügend Fachleute zu rekrutieren, die auch willens wären, sich zu beteiligen, usw..

Zudem sind deutsche oder anderssprachige Trivialnamen in keiner Weise „geschützt“, anders als die wissenschaftlichen Namen, die einem gewissen Schutz unterliegen durch die Int. Regeln für die Zool. Nomenklatur, und das weltweit! Kein einziger, ob Wissenschaftler oder Laie, wäre verpflichtet, die so geschaffenen Trivialnamen zu verwenden. (Beispiele und weitere Argumente sind dem gedruckten Text zu entnehmen).
Der ganze Aufwand wäre schlicht vergeblich!

Ganz ähnlich sieht es mit Fachbegriffen aus, nur dass für diese noch nicht einmal ein verbindliches Regelwerk existiert wie die Internationalen Nomenklaturregeln. Auch im Bereich der Fachterminologie stößt man auf Versuche, die oft auf der lateinischen oder griechischen Sprache basierenden Begriffe in die jeweilige Muttersprache zu „übersetzen“. Oder auch, einen Fachbegriff zu ersetzen, an dem man irgend etwas auszusetzen hat.

Ein Beispiel dazu sei kurz dargelegt:
Die amerikanische Myrmekologin Joan Herbers (zeitweilig Präsidentin der IUSSI; Int. Union for the Study of Social Insects) nahm Anstoß an den englischen Begriffen „Slavemaker Ants“, „Slave“ etc., sowie an dem altsprachlichen Terminus „Dulosis“, und auch an dem Trivialnamen „Black Ants“ dort für Serviformica fusca. Die sollen dort sogar als „Negro Ants“ bezeichnet werden.

Ihre Begründung war, dass sie unter ihren Studierenden (die u. a. mit Temnothorax duloticus und Protomognathus americanus arbeiteten, also Sklavenhalterameisen) Afroamerikaner vermisse. Sie führte das darauf zurück, dass solche Studierende sich durch diese „Racially Loaded Mataphors“, also etwa „rassistisch belastete Metaphern“ abgestoßen fühlen könnten.
Das Ergebnis war die (in wissenschaftlichen Zeitschriften, auf Vorträgen etc.) vorgebrachte Alternative „Piracy“, „Pirate Ants“, und eine griechische Version „Leistic Ants“ etc..

Es gab einige Diskussion in der Fachwelt; etwa ein halbes Dutzend Veröffentlichungen (aus ihrem Haus, aber auch aus Japan) verwendeten die neuen Termini, und das war‘s dann! (Wer sich also über Sklavenhalter-Ameisen im Internet vollständig informieren will, muss zusätzlich nach diesen Begriffen suchen).
Joan M. Herbers 2007: Watch Your Language! Racially Loaded Metaphors in Scientific Research. -
BioScience, Volume 57, Issue 2, 1 February 2007, Pages 104–105,
https://doi.org/10.1641/B570203 oder https://academic.oup.com/bioscience/art ... 104/228203

Ein zweiter Beitrag ist nicht mehr auffindbar, da das einst recht beliebte online-Journal „Notes from Underground“ inzwischen eingestellt wurde und die Beiträge nicht mehr gespeichert sind:
HERBERS, J.M. 2007: The loaded language of science. – Notes
from Underground 12-1, <http://www.notesfromunderground. org/archive/april%202007/opinion/hebers/piracy.htm

Im Blog von Alex Wild kann man über diese Geschichte nachlesen:
http://www.myrmecos.net/2011/09/30/ „How should we talk about slave-raiding ants?“
Wer möchte, kann auch die 41 Kommentare dazu durchlesen.

Was will ich damit sagen?
Es ist für jeden, ob Laie oder Wissenschaftler, müßig, sich über Fachtermini den Kopf zu zerbrechen, oder sich gar zu zerstreiten; es bringt absolut nichts!
Wichtig ist jeweils der Zusammenhang, und die jeweils darin gebräuchlichen Definitionen. Man vergleiche das Sitzmöbel „Stuhl“ mit dem, was die Kanalisation zu schlucken hat. Wer die Definitionen vertauscht, sitzt am Ende in der Sch… :D

MfG,
Merkur




Danke.
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