Straßenreinigung bei Blattschneiderameisen

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Straßenreinigung bei Blattschneiderameisen

Beitragvon Merkur » Mittwoch 24. Juli 2019, 17:08

Im MN-Blog wurde ein neuer Beitrag gepostet, „Obstacle size affects clearing foraging trails in leaf-cutting ants“, von Andrea Marina Alma (Die Größe von Hindernissen beeinflusst das Sauberhalten von Futter-Transportwegen bei Blattschneiderameisen).
Der Fotoblog enthält einige eindrucksvolle Bilder sowie Videosequenzen zum Verhalten der Ameisen. Dieser Blog-Beitrag und die zugehörige Publikation in Insectes Sociaux 66 (2019) https://www.researchgate.net/publicatio ... tting_ants erinnern mich an ähnliche „Experimente“, die ich, damals als Spielerei, auf einer Urlaubsreise durch Yucatan (Mexiko) im März 2004 angestellt hatte.

Im Ameisenforum hatte ich darüber berichtet, doch ist der Thread nicht mehr auffindbar bzw. sind die Bilder verschwunden. Nun konnte ich den Beitrag (vom 8. April 2004) rekonstruieren. Die Bilder hatte ich zum Glück gespeichert.
Bei dem Ort Frontera Corozal gab es sehr gut belaufene, breite Atta-Straßen durch den lichten Uferwald. Ein großes Nest lag praktisch am Ortsrand. Zuerst war ich erfreut, ein paar der wirklich gewaltigen Soldaten zu sehen, und habe natürlich auch einige konserviert. Es fiel auf, dass sie viel schneller als die auslaufenden Sammler und Schneider die Straßen entlang eilten. Innerhalb von 10 Minuten kamen sechs an mir vorbei, etwa 10 m vom Nest weg und in Richtung zu den Sammelstellen, nur ein Soldat kehrte in dieser Zeit zurück. Allgemein liest man ja, dass diese Soldaten oder "Supermajors" der Verteidigung dienen, nur gelegentlich gibt es Hinweise, dass sie auch sonst Nützliches tun. Nachdem ich einen Soldaten beobachtete, wie er einen recht großen Halm wegschaffte, wollte ich es genauer wissen, vor allem sehen, ob es beim Auftauchen von großen Hindernissen eine spezielle Rekrutierung für Soldaten gibt.

Mein Taschenmesser musste als künstliche Blockade der Straße herhalten, hier in der Übersicht:

01-148 Atta Str Messer 6-03.jpg
Verkehrshindernis
Nach rechts oben geht es zum Nest.

02-150 Atta Messer 6-06.jpg
Das darf nicht sein!
Bald stößt ein Soldat auf das Hindernis.

03-152-Atta--zieht-Messer-6.jpg
Das muss weg!
Und voller Eifer reißt er an der Schneide! Natürlich erfolglos. Die anderen Arbeiterinnen wirken unbeteiligt. (Eine spezielle Rekrutierung schien nicht zu erfolgen).

Der nächste Versuch sollte mit einer "weichen" Barrikade erfolgen. Ein Blatt Papier wurde in eine mit dem Messer geschnittene Kerbe quer durch die Straße gesteckt.
04-154-Atta-Papierstau-6-22.jpg
Was sie mit diesem Hindernis anstellen?
Man sieht, wie sich links die auslaufenden, und rechts die mit Knospenschuppen beladenen Ameisen stauen.

05-155-Atta-Papier-schneid6.jpg
Da werden Schneider aktiv!
Der Stau wird größer, von Soldaten ist nichts zu sehen, aber ein paar Schneider erklettern das Papier! (Ein Umleitungsschild war noch nicht aufgestellt ;) ).

06-160Atta Pap Schneid 6-21.jpg
Das linke Tier beginnt,
Ein Schneider beginnt das Blatt von oben her zu zerlegen. Der Schnitt ist im Bild durch die Antenne verdeckt!

07-162 Pap Schneid Ergebnis off. 6-23.JPG
und ja, so geht's!
Langsam, aber sicher wird das Papierblatt zerlegt.

08-158 Sold-Umleit frei 6-20.jpg
Doch man versucht es auch noch anders.
Inzwischen besinnen sich die Soldaten auf ihre Aufgaben: Einer fängt hier an, den Weg für eine Umleitung frei zu räumen.

Leider wurde es rasch dunkel, und kurz darauf kam ein heftiger Tropenregen, der meinen Experimenten ein abruptes Ende bereitete. Am nächsten Morgen sah ich nach: Das Blatt Papier war restlos verschwunden,
die Kerbe in der Straße kaum noch zu erkennen, der Verkehr floss ungehindert.

Ob das Papier zum Futter für den Pilz geworden war, oder ob es einer der Dorfbuben mitgenommen hatte, weiß ich nicht. Die Dorfjugend (darunter "Pedro", von dessen Schulsorgen ich an anderer Stelle berichtet habe)
hat jedenfalls meine Aktivitäten sehr kritisch begutachtet. Was Wunder: Ein weißhaariger Tourist, der am Boden rumkriecht, in ein Heftchen schreibt, ab und zu mal blitzt, sich um Ameisen kümmert, auf denen man
sonst allenfalls herum trampelt, das ist schon sehr suspekt! Hätte meine Frau nicht erklärt, was ich da mache, vielleicht wäre ich doch in der Klapsmühle gelandet.

Nebenbei: Mein ursprünglicher Plan war, statt des Papierblatts einen Geldschein zu verwenden. Mit ein paar sauber ausgeschnittenen Löchern hätte er doch schön dokumentieren können, wie exzessiver Straßenbau
Geld verschlingt. Aber unter den wachsamen Augen der wirklich armen Dorfkinder konnte ich das nun doch nicht übers Herz bringen. :roll:

Fazit: Mir scheint, dass die Blattschneider-Soldaten (vielleicht neben ihren gelegentlichen Kriegseinsätzen) in erster Linie die Aufgaben von Straßenwacht und THW übernehmen, verantwortlich sind für das sorgfältige
Entfernen aller größeren Hindernisse, während die Schneider sich der ebenfalls hinderlichen abgefallenen Blätter etc. annehmen. Weiter Experimente wären wünschenswert; aber wir hatten halt noch andere touristische Ziele vor uns.

Und eine letzte Bemerkung: Mir fielen die ebenfalls perfekt sauberen Straßen unserer einheimischen Formica pratensis ein: Niemand hat bisher erforscht, wie sie diese in den Boden etwas eingetieften, oft
teilweise von Gras überwachsenen, dutzende von Metern langen Straßen anlegen und pflegen. Eine Soldatenkaste haben sie nicht. Aber mit Farbmarkierungen müsste man doch heraus bekommen, ob es spezialisierte
Straßenwärter gibt, die etwa sich um Steinchen, Sand oder ähnliche künstlich eingebrachte Hindernisse kümmern. "Jugend forscht", oder ein Schulprojekt? Wäre sicher nicht schlecht! ;)

MfG,
Merkur
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