Neozoon Formica paralugubris in Canada

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Neozoon Formica paralugubris in Canada

Beitragvon Teleutotje » Freitag 25. September 2015, 21:28

When I saw the title of this article I remembered a discussion I had halfway the '80s... My companion, a systematicus, said that those F. lugubris behaved different in Canada, I suspected it was a different species, not the one they wanted to introduce... And indeed, now it is proven to be F. paralugubris ! Yes!!!!!!!

Seifert, B., The supercolonial European wood ant Formica paralugubris Seifert, 1996 (Hymenoptera: Formicidae) introduced to Canada and its predicted role in Nearctic forests.
http://www.myrmecologicalnews.org/cms/i ... ut=default
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Re: Neozoon Formica paralugubris in Canada

Beitragvon Reber » Freitag 25. September 2015, 21:47

Danke für den Hinweis Teleutotje!

Ausgerechnet die hochgradig polygyne "Schweizer Gebirgswaldameise" Formica paralugubris! In der Schweiz stellt sie naturlich kein Problem dar, wenn ich mich recht erinnere, sagte Prof. D. Cherix an einem Vortarg, dass die Ameise auf dem Stadberner Hausberg "Gurten" vorkomme, dort fällt sie aber kaum auf. Im Jura gibt es eine riesige Superkolonie der Art, was m. E. auf ihr Potenzial als Invasive Art in der neuen Welt hinweisen kann. :(

Weiss man, wie diese Ameise - die ja in einem relativ kleinen Verbreitungsgebiet vorkommt - nach Kanada gelangt ist?

Edit: Habe gerade im abstract gelesen, dass die Ameise absichtlich aus den italienischen Alpen nach Quebec eingeführt wurde. Kennt jemand den Grund und die Umstände?
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Re: Neozoon Formica paralugubris in Canada

Beitragvon Teleutotje » Samstag 26. September 2015, 00:18

In 1971 they wanted to see if that ant could help to protect the Canadian forests against plant-eating insects!
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Re: Neozoon Formica paralugubris in Canada

Beitragvon ratti » Samstag 26. September 2015, 07:02

Did it work?

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Re: Neozoon Formica paralugubris in Canada

Beitragvon Trailandstreet » Samstag 26. September 2015, 08:01

Das war auch mein Gedanke. Dabei muss man aber davon ausgehen, dass vorher schon irgendwelche Schädlinge eingeschleppt wurden.
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Re: Neozoon Formica paralugubris in Canada

Beitragvon Steffen Kraus » Samstag 26. September 2015, 08:32

Hallo,
erinnert mich leider an Australien.
Dort wurden Agakröten eingebürgert, um einen Schädling zu bekämpfen, ist ja jedem bekannt.
Was daraus wurde?
Lernt der Mensch denn nie?
Gruß Steffen
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Re: Neozoon Formica paralugubris in Canada

Beitragvon Trailandstreet » Samstag 26. September 2015, 09:04

Es wurden schon so viele Tiere irgendwo eingebürgert und sind dann oft zur Plage geworden, mangels natürlicher Feinde etc.
Kaninchen in Australien z.B., auch die Guppys, die man zur Bekämpfung der Mückenlarven eingesetzt hat, verdrängen aber wohl eher durch ihren großen Vermehrungsdrang andere Tiere, denn durch ihre Aggressivität.
In Nordamerika sind auch Regenwürmer inzwischen ein Problem, da es dort keine gab und die Waldflora gar nicht auf so etwas eingestelt ist.
Die Beispiele werden schon langsam endlos.
Ja, man könnte hier Einstein zitieren...
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Re: Neozoon Formica paralugubris in Canada

Beitragvon nortorn » Samstag 26. September 2015, 09:05

Guten Morgen ;)

Steffen Kraus hat geschrieben:Lernt der Mensch denn nie?


In Anbetracht der Tatsache dass immer wieder neue Arten zur "Schädlingsbekämpfung" eingeführt werden, muss man diese Frage wohl insgesamt eher mit nein als mit Ja beantworten.

Ein weiteres Beispiel wäre der asiatische Marienkäfer.
Dieser wurde 2002 das erste mal in Deutschland beobachtet.
Ursprünglich kam auch er als Schädlingsbekämpfer zu uns, mittlerweile sehe ich hier in Duisburg nur noch sehr selten unseren heimischen Marienkäfer.
Die asiatische Variante kann sich im Jahr 2 mal vermehren und verdrängt so den einheimischen Marienkäfer.
Ein weiteres, und wahrscheinlich das berühmteste Beispiel, ist der Waschbär.
Er scheint sich zwar gut in das vorhandene System einzufügen, aber auch das ist ein umstrittenes Thema.

Gruß
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Re: Neozoon Formica paralugubris in Canada

Beitragvon Merkur » Samstag 26. September 2015, 09:47

Die Ameisen wurden 1971 als Formica lugubris Zetterstedt, 1838 identifiziert und mit dem Ziel des Waldschutzes nach Kanada gebracht.
F. paralugubris Seifert, 1996 wurde erst 25 Jahre nach dieser Aktion überhaupt als separate Art identifiziert und beschrieben.
Zu jenen Zeiten hat man noch bedenkenlos gebietsfremde Arten angesiedelt, rein nach dem "Nützlichkeitsprinzip".

Formica paralugubris aus den italienischen Alpen wurde auch in Deutschland versuchsweise angesiedelt, u.a. in der Rhön sowie bei Würzburg.
Ich habe im August 2008 zwei Orte der Ansiedlungen aufgesucht:

A. Buschinger 2008: Auf Spurensuche: Die Stark beborstete Gebirgswaldameise Formica lugubris in der Umgebung von Würzburg, mit Bemerkungen zum Befall durch den Pilz Aegeritella superficialis. - Ameisenschutz aktuell 22, 97-104.

Im Zuge der Korrespondenz mit diversen Kollegen stellte sich danach heraus, dass es sich damals um F. paralugubris gehandelt hatte.
An einer gut identifizierbaren Stelle bei Kitzingen/ Unterfranken war keine Spur der Art mehr zu entdecken. Dank der Hilfe eines pensionierten Forstmannes aus Gramschatz bei Würzburg konnte ich die Ansiedlung im dortigen Wald tatsächlich auffinden, doch waren nur noch minimale Reste der Art vorhanden.

F.-paralug.-Nest.jpg
F. paralugubris im Gramschatzer Wald bei Würzburg, 2008
Bild 1: Eines der winzigen im August 2008 noch vorhandenen Nestchen (Das Grabwerkzeug ist ca. 40 cm lang)

F.-paralug.-mit-Aegeritella.jpg
F. paralugubris aus diesem Nestchen
Bild 2: F. paralugubris aus diesem Vorkommen, mit Befall durch den Pilz Aegeritella superficialis (schwarze Flecken v. a. auf dem Thorax).

An den beiden genannten Orten gibt es vitale Kolonieverbände von Formica polyctena. Bei Kitzingen waren diese Ameisen allerdings ebenfalls von Aegeritella befallen. Es ist nicht auszuschließen, dass der Pilz zusammen mit der F. paralugubris dorthin gebracht worden war, doch wurde er auch andernorts in D nachgewiesen, wo man keine Formica paralugubris angesiedelt hatte.

Wie nortorn richtig bemerkt, werden auch heute noch derartige Fehlentscheidungen getroffen, obwohl man inzwischen zahllose Beispiele auch für äußerst nachteilige Konsequenzen kennt.

MfG,
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Zuletzt geändert von Merkur am Samstag 26. September 2015, 15:50, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Neozoon Formica paralugubris in Canada

Beitragvon Merkur » Samstag 26. September 2015, 11:15

Einige Ergänzungen zur Literatur und zu der Pilzgattung Aegeritella:

Buschinger, A. 2008: Die stark beborstete Gebirgswaldameise Formica lugubris in Kanada. Ameisenschutz aktuell 22, 33-36

Die Korrektur von F. lugubris zu F. paralugubris wurde hier veröffentlicht:
http://www.ameisenwiki.de/index.php/For ... ralugubris

Der Pilz Aegeritella superficialis wurde von Balazy und Wiśniewski in Polen entdeckt und 1974 beschrieben. Er kommt bei verschiedenen Waldameisenarten vor und wurde 1977 von Wiśniewski auch bei „F. lugubris“ aus den italienischen Alpen nachgewiesen, von wo das Material für Kanada stammte (heute wissen wir, dass es sich um F. paralugubris gehandelt hat).

Der erste Nachweis des Pilzes in Deutschland wurde 1982 publiziert:
Wiśniewski, J., Buschinger, A. 1982: Aegeritella superficialis BAĿ. et WIŚ., ein epizootischer Pilz bei Waldameisen in der Bundesrepublik Deutschland. Waldhygiene 14, 139-140.

Weiteres zu Aegeritella:
http://ameisenschutzwarte.de/forum/view ... f=21&t=349
http://ameisenwiki.de/index.php/Aegeritella
https://www.antstore.net/forum/viewtopic.php?t=6173
https://www.antstore.net/forum/aegerite ... t4571.html

Trotz offenbar weiter Verbreitung der Pilzgattung (es gibt mehrere Arten), auch bei ganz anderen Ameisengattungen und aus mediterranen bis tropischen Ländern, fand ich in jüngerer Zeit keine Hinweise mehr. Dies ist auffällig besonders im Hinblick auf die wachsende Zahl von importierten Arten und Kolonien/ Königinnen gebietsfremder Ameisen.

MfG,
Merkur
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Re: Neozoon Formica paralugubris in Canada

Beitragvon Teleutotje » Samstag 26. September 2015, 21:20

In 1971 they brought around 1.000.000 workers and queens to Canada, in 2005 it were in total around 19.000.000 insects.... They still are as a big supercolony there but it is not feared they will become pests...
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Re: Neozoon Formica paralugubris in Canada

Beitragvon Reber » Donnerstag 29. Oktober 2015, 21:41

Heute hat das Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz eine Pressemitteilung zur Angelegenheit in deutscher Sprache veröffentlicht:

In seiner kürzlich im Fachjournal „Myrmecological News“ veröffentlichten Studie zeigt Seifert, dass die Ameisen nur an einen Ort in Quebec vorkommen und bisher keine Gefahr für das kanadische Ökosystem darstellen.

(...)

„Kurioserweise wurden die Ameisen 1971 bewusst vom Menschen nach Kanada eingeschleppt“, erzählt Seifert. Die kleinen Insekten sollten für den Schutz kanadischer Wälder sorgen und Schadinsekten bekämpfen. „Solch ein Verfahren würde in der heutigen Zeit zu massiven Protesten führen“, meint Seifert.
Etwa 1,3 Millionen Arbeiterameisen mit geschätzten 3000 Königinnen wurden gezielt in einer kanadischen Nadelbaumplantage angesiedelt. Bis 1973 hatten die Ameisen fünf Nester gebaut, die circa 3 Millionen Ameisen beherbergten. Die nächste Aufzeichnung stammt aus dem Jahr 2005: Formica paralugubris lebte nun schon in 95 Nestern, die sich auf einer Waldfläche von 3,8 Hektar ausstreckten. „Laut unseren statistischen Berechnungen können wir zu diesem Zeitpunkt von etwa 19 Millionen Arbeiterameisen in dieser zusammenhängenden Superkolonie ausgehen. Heute sind es wahrscheinlich noch deutlich mehr, die Entwicklung wurde aber in den letzten 10 Jahren nicht mehr beobachtet“, erläutert Seifert.

Die Studie zeigt außerdem, dass im Verbreitungsgebiet der Waldameise heimische Arten lokal verdrängt werden und die eingeführten Ameisen deren Funktionen im Ökosystem mehr oder weniger übernehmen. Doch anders als beispielsweise bei der gelben Spinnerameise (Anoplolepis gracilipes), die seit ihrer Einfuhr 1978 in Australien durch eine immense Ausbreitung erhebliche Schäden in den heimischen Ökosystemen anrichtet, ist die Ausbreitungsgefahr der untersuchten Waldameise in Kanada über eine größere Fläche eher gering. Die Art macht keine weiten Paarungsflüge, die Paarung der Ameisen findet fast immer im oder auf dem Nest statt und die Jungköniginnen werden anschließend vom Mutternest adoptiert – so bleiben die Tiere an Ort und Stelle. Auch Neuansiedlungen durch zufälligen, unbeabsichtigten Transport durch den Menschen hält Seifert für extrem unwahrscheinlich: Für eine Anfangskolonie müssten große Teile einer Kolonie umgesiedelt werden, dies wäre nur durch ein gezieltes Vorgehen möglich.

„Demnach besteht momentan keine akute Gefahr für eine Schädigung nordamerikanischer Wälder durch Formica paralugubris. Dennoch würde ich eine weitere Beobachtung der Superkolonie durch meine kanadischen Kollegen dringend empfehlen“, fasst Seifert zusammen.


Mitteilung: https://idw-online.de/de/news640444
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