Polistes spp.

Re: Polistes spp.

Beitragvon Reber » Montag 12. Juni 2017, 20:53

Das kleine Feldwespennest im Vogelhäuschen, von dem ich etwas weiter oben berichtet habe, hat sich gut entwickelt. Es ist deutlich gewachsen und hat bereits eine - für Polistes dominulus und die Jahreszeit - stattliche Arbeiterinnenzahl hervorgebracht. Durchschnittliche Kolonien werden meist nur um die 30 Arbeiterinnen stark. Heuer spielt das Wetter den Tieren aber in die Hände, es könnte wieder ein "Wespenjahr" werden.
Polistes dominulus Nest Juni.JPG
Das Nest ist gewachsen, die erste Arbeiterinnengeneration geschlüpft.

Wie friedfertig die heimischen Polistes Arten sind, kann man anhand des Handyfotos gut erkennen. Angriffig werden die zierlichen Wespen nur, wenn man unmittelbar vor dem Nest herumfuchtelt oder es erschüttert.
Polistes dominulus Nest gewachsen.JPG
Feldwespen sind friedliche Tiere.
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Re: Polistes spp.

Beitragvon Boro » Montag 19. Juni 2017, 13:38

Nestumsiedelung wegen drohender Vernichtung nicht nur bei Waldameisen!
Polistes sp.-Nester sind weit leichter umzusiedeln als Nester der Vespula-Arten, hier hat sich zuletzt Reber bei Vespula media als fürsorglicher Meister erwiesen!
Die Feldwespen sind die "friedlichen" Verwandten der heimischen Echten Wespen, sie bauen prinzipiell nur eine Nestwabe ohne Nesthülle und viel kleinere Populationen auf. Ein weiterer Vorteil für eine Umsiedlung ist ihre Thermophilie, nur mit Besonnung des Neststandortes fliegen sie unter etwa 20°C aus.
Gestern kam die Hiobsbotschaft: Der älteste Sohn hat einen "Pool" und in dessen obiger Einrahmung hat sich Polistest-Nest etabliert. Polistes dominula, Volksstärke etwa 10 Arbeiterinnen + Königin, Nestdurchmesser knapp 4 cm. Er hat für Insekten nichts übrig, schon gar nicht für stechende! Daher habe ich mich in der Nacht, so um 22:00 Uhr war es endlich finster, aufgemacht um das Nest zu retten. Die Nacht hat einen großen Vorteil für Umsiedlungen: Außer der Hornisse sehen Vespula- und Polistesarten nichts und können sich nicht orientieren, bestenfalls können sie zu einer nahen Lichtquelle fliegen. Außerdem wird es kühler, was die Aggressivität der Insekten etwas dämpft. Ich habe das Nest mit einem feinen Messer abgelöst und in einer gepolsterten Schachtel mit dem Auto nach Hause transportiert. In der Früh nach 06:00 hatte es nur 12°C, das ist sehr gut! Bei dieser Temperatur ist Polistes (im Gegensatz) zu Vespula kaum flugfähig, die Tierchen bleiben daher trotz der Manipulation am Nest sitzen. Unter der Dachrinne an meinem Glashaus habe ich dann ein kleines Stück doppelseitiger Teppich-Klebefolie angeklebt, das Nest mit einer Pinzette genommen und mit dem Stielchen an diese Folie geklebt, dann allseits mit der Pinzette angedrückt, fertig!
Wer jetzt glaubt, die Sache sei erledigt, der irrt! Anschließend folgt die Nachbetreuung: Abfliegende Wespen "wissen" nicht, dass sich das Nest in einer völlig anderen Umgebung befindet und versäumen den notwendigen Orientierungsflug. Einige finden von alleine zurück, andere werden mit einem Stäbchen, an dem sich etwas Ahornsirup befindet in Nestnähe mit dieser Nahrung geködert und anschließend vorsichtig am Nest "abgestreift". Beim zweiten Abflug orientieren sie sich. Auf diese Weise gelingt es, den größten Teil der Arbeiterinnen "heimzubringen". Das ist wichtig, weil sonst eine Unterversorgung der vorhandenen Brut gegeben ist.
Dann gibt es noch ein Problem: Der größte Fressfeind der freilebenden Feldwespen sind Meisen. Da muss ich mir noch eine Vorrichtung zm Schutz des Nestes ausdenken!
Ich weiß.....klingt alles ein bisschen verrückt......aber das sind wunderschöne Insekten, stören nie beim Grillfest oder bei Kaffee und Kuchen im Garten. Und: Bei freier Nesteinsicht kann man das Brutgeschäft und die ganze soziale Betriebsamkeit herrlich beobachten!
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DSC01187.JPG
Sicht von der Frontseite: Vor 5 Minuten angeklebtes Nest, die weiße doppelseitige Klebefolie ist gu zu sehen
DSC01191.JPG
Blick von schräg unten: Nest unter der Dachrinne
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Re: Polistes spp.

Beitragvon Reber » Montag 19. Juni 2017, 16:16

Danke für den Bericht Boro!

Von wegen "verrückt klingen": Sogar bei den eigentlich naturverbundenen Imkern haben Wespen einen schlechten Ruf. Meine Umsiedlungsaktion an den Bienenstand hat einiges an Kopfschütteln aufgelöst. Natürlich kann es sein, dass die Tiere auch ab und zu eine Biene erbeuten, aber ihre Hauptnahrung sind Fliegen...
Ob das Nest überlebt, ist sowieso ungewiss, denn meisterlich bin ich leider nicht vorgegangen. Ich habe die Hälfte der (insgesamt etwa 10) Arbeiterinnen verloren, da das Nest nicht nur am Stielchen befestigt war, sondern die Hülle auch direkt an der Storenverankerung bzw. der Decke befestigt war. Natürlich habe auch ich nachts gearbeitet, aber weil es mir nicht gelang das Nest in einem Zug abzuschneiden (mit einer Hand hielt ich die Kiste, mit der anderen das Schneidewerkzeug, alles auf einem Stuhl stehend), gab die Strassenbeleuchtung einigen Tieren genug Licht zum Wegfliegen. Wenn sich nun noch ein Teil verflogen hat - wie Boro oben beschreibt - wird es eng für die Königin...


Immerhin konnte ich unterdessen bei meiner Mutter schon etwas Werbung für den Verbleib des Polistes-Nestes im Vogelhäuschen machen, als wir die fleissigen Tiere beim Jagen von kleinen Raupen und Blattläusen in ihrem Garten beobachten konnten... :)
An Meisennest, in dem sich das Polistes-Nest befindet, hat sich übrigens bereits ein junger Bundspecht zu schaffen gemacht. Das Nest existiert aber noch. Als Meisen- und Spechtschutz eignet sich zumindest im Nestbereich eine Drahtgitterhaube...
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Re: Polistes spp.

Beitragvon Boro » Dienstag 20. Juni 2017, 09:56

Ja, mit einer Drahthaube hab ich es versucht, aber die Gitterabstände dürften kaum 2 cm Abstand haben, damit die Meisen nicht durchkommen. Jetzt bestünde aber die Gefahr, dass sich die Wespen beim Flug durch die Drahtmaschen verletzen, vor allem die Flügel sind gefährdet. Polistes kat keineswegs die Fluchtüchtigkeit der Vespula-Arten, das wird am anderen Körperbau und der geringeren Schlagfrequenz der Flügel liegen. Sie sind auch nicht in der Lage, fliegende Insekten zu fangen, sondern müssen sich vorwiegend mit Schmetterlingsraupen oder Aas begnügen. Interessantes Detail am Rande: In der Dominanzhierarchie befindet sich Polistes dominula (auch Männchen!!) über den Vespula-Arten, wie es mit Vespula media verhält, kann ich aber nicht sagen.
Dann hatte ich eine kleine Schachtel aus Pappendeckel, aber dieses Material kann sowohl von Meisen und erst recht vom Specht zerstört werden. Es blieb letztlich nur die Möglichkeit eine entsprechend große Plastikbox zu verwenden: Ein Einflugloch wurde ausgeschnitten und mit einseitigem Klebepapier ausgekleidet - wieder um Verletzungen zu vermeiden. Dann wurde die Box mit beidseitiger Klebefolie über das Nest an die Unterseite der Dachrinne geklebt. Jetzt sollten alle großen Feinde "draußen" bleiben!
Nachtrag: Von den 10 Arbeiterinnen waren heute noch 7 am Nest, ein schlecht orientiertes Individuum konnte ich mit Ahornsirup anlocken und auf das Nest zurückführen. Man kann die Arbeiterinnen auch direkt am Nest füttern , z. B. wird der Thorax einer Heuschrecke oder eines Heimchens gerne angenommen und meist am Nest zerteilt. Die frisch-tote Beute kann man mit einer spitzen Pinzette direkt am Nest (vorsichtig) anbieten. Ich muss das hin und wieder tun, weil in den Gärten der Nachbarn die "Golfplatzrasen-Manie" ausgebrochen ist.
L.G.
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DSC01193.JPG
Frontale Ansicht des Nest-Schutzes. Auf der Innenseite ist eine Abdunkelung angeklebt. Auf die Dachrinnen-Vorderseite kommt noch eine Abdeckung gegen Überhitzung.
DSC01196.JPG
Nicht gerade schön gemacht, aber es erfüllt seinen Zweck: Das verkleidete Einflugloch
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Re: Polistes spp.

Beitragvon Boro » Donnerstag 20. Juli 2017, 19:11

Die Polistesarten gehören zu den kurzzyklischen Wespen. Mit dem Schlüpfen der ersten Geschlechtstiere kündigt sich der Höhepunkt der Nestentwicklung an: schlüpfen im Juli zu viele Geschlechtstiere, geht es mit der Aktivität langsam bergab. Junge Gynen und Männchen fliegen aus, kehren aber fast immer auf ihr angestammtes Nest zurück; das kann jetzt einige Wochen so gehen. Die jungen Geschlechtstiere ernähren sich auswärts teilweise selbständig, auch die Männchen, die ebenfalls eine längere Zeit leben können. Die jungen Weibchen tragen mitunter auch Nahrung ein, die ganz normal sozial aufgeteilt und auch an die Larven verfüttert wird. Soweit ich weiß, gibt es diesen Vorgang bei den echten Wespen nicht. Und bemerkenswert ist die Tatsache, dass am Nest anwesende Männchen, die sich vehement um eingebrachte Beute bemühen, diese ebenfalls durchkauen und etwaige Reste an die Larven verfüttern. Das dürfte bei Wespen ein einzigartiger Vorgang sein und möglicherweise mit den kleinen Nestpopulationen in Zusammenhang stehen. Abgesehen davon nimmt mit der steigenden Zahl junger Geschlechtstiere die Zahl der Arbeiterinnen relativ ab.
Ab Mitte Juli tauchen die ersten Geschlechtstiere im Freien auf, das ist deutlich früher als bei echten Wespen.
Eben habe ich ein Männchen auf der Wilden Karotte (Daucus carota) gesehen, die bei mir im Garten steht. Doldenblütler werden sehr gerne von verschiedenen Insekten und vor allem Ameisen besucht. Derzeit warte ich auf den Samen dieser Pflanze um ihn im Garten in der weitgehend naturnahen Wiese auszusäen.
L.G.
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DSC01387.JPG
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