Unverkaufte Ameisen: Was geschieht damit?

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Unverkaufte Ameisen: Was geschieht damit?

Beitragvon Merkur » Samstag 11. November 2017, 20:27

Ameisenvölker und koloniegründende Königinnen sind nicht unbegrenzt „lagerfähig“, auch wenn man auf den Webseiten der Händler oft lesen kann
„auf Lager“. Sie sind „verderbliche Waren“, wie Lebensmittel, oder auch wie Topfpflanzen.
Letztere sieht man in Blumenläden, Gartencentern etc. nicht selten in einem traurigen Zustand; manchmal werden sie noch als Sonderangebote
verkauft, aber zumeist landen sie auf dem Kompost.

Ameisenköniginnen, soweit es einheimische Arten sind, die claustral gründen, kann man unter geeigneten Bedingungen im Reagenzglas „lagern“,
ohne viel Betreuung, bis sie evtl. erst nach einer Überwinterung mit ersten Arbeiterinnen angeboten werden können.
Bei Arten mit semiclaustraler Gründung, wo die Königinnen regelmäßig gefüttert werden müssen, ist rascher Verkauf angesagt, da sonst der Aufwand
für die Pflege zu hoch wird.

Doch was macht der Händler mit überschüssigen Königinnen bzw. Jungkolonien, vor allem bei ausländischen Arten? Rücksendung zur Freisetzung am Sammelort ist zu teuer, also keine Option.
Auch beim Händler wird gelegentlich die Königin einer Kolonie sterben. Arbeiterinnen allein sind wohlziemlich unverkäuflich (wurden gelegentlich
schon mal angeboten). Sie durchzufüttern bis zum Lebensende dürfte unwirtschaftlich sein. Was macht man dann damit?
Irgendwann steht in der Liste „ausverkauft“. Kann sein, ist aber manchmal doch unwahrscheinlich.

Es macht mich nachdenklich, dass man darüber bisher nie etwas gelesen hat. Auch hat anscheinemd noch nie ein Halter danach gefragt, während über Transportverluste bereits öfter diskutiert wurde.

MfG,
Merkur

Habe mir erlaubt, das Thema aus den Gedankensplittern herauszulösen. LG Reber
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Re: Gedankensplitter

Beitragvon Trailandstreet » Samstag 11. November 2017, 21:23

Offenbar werden Kleinkolonien wohl noch soweit versorgt, bis die verkauft werden, da ja viele, gerade Neulinge, lieber mit einem kleinen Volk.
Ich glaube aber auch nicht, dass sie so ein wahnsinniges Überlager haben, dass ihnen recht viel übrig bleibt.
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Re: Gedankensplitter

Beitragvon Steffen Kraus » Samstag 11. November 2017, 22:42

Hallo Merkur,
die Frage ist berechtigt, gerade weil es noch niemals angesprochen wurde.
Nun, ich kann jetzt nur für mich sprechen/schreiben, alles andere wären jetzt Spekulationen über den ganzen Handel und damit nicht mein Ding!
Um überschüssige Waren zu haben, muß man zuviel bestellen, ganz einfach. Bestelle oder fange ich, 1000 Gynen, wohlgemerkt von jeder Art die ich im Shop habe,
werde ich sehr schnell, mit der ordentlichen Pflege überfordert sein.
Dann gibt es die Möglichkeit, die Tiere sehr billig, ich nenne es mal so und nicht günstig, auf den Markt zu werfen. Ist dann ein Teil verkauft, kann man ja den Rest nicht plötzlich teurer verkaufen. Denn dann ist die Preisgestaltung, im Handel (Angebot und Nachfrage) befriedigt. Ganz einfach!
Ergo, sollte man kleine Mengen bestellen/fangen und hat dann so die Möglichkeit, die Kolonien, groß zu ziehen. Rechnet man dann noch Transportverluste, sowie Todesfälle in der Aufzucht dazu, dies ist nun mal so, bekommt man eine Preisgestaltung, die es einem gewerblich geführten Betrieb möglich machen,
einen Gewinn zu erziehlen.
Auch ist nicht alles, was auf nicht lieferbar im Internetangebot steht, wirklich nicht da! Dies hat den Sinn, daß sich Kunden direkt im Shop informieren und nicht einfach bestellen und dann in der Forenwelt fragen, sich tausend Meinungen anlesen, die nicht funktionieren. Bei solch einer Reizüberflutung der Kunden, kann man schon verstehen, daß es oft mit der Haltung nicht funktioniert.Wohlgemerkt oft, nicht immer!!!! Dies ist dann schlecht für den Kunden(Geldbeutel) und das Tier(ordentlich Pflege).
Ich hoffe, ich konnte ein wenig helfen und Spekulationen entgegenwirken.
Ich beantworte gerne weitere Fragen,
Gruß,
Steffen
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Re: Gedankensplitter

Beitragvon Merkur » Sonntag 12. November 2017, 12:04

Hallo Steffen Kraus,

Vielen Dank für die Rückmeldung!

Es ist mir schon klar, dass belastbare Zahlen nicht erhältlich sind.
Man hat natürlich im Hinterkopf die vielen Berichte besonders über die Fang- und Transportverluste bei tropischen Fischen (Riff-Fische, Zyanid-Fischerei etc.!), wo dann nur ein kleiner Bruchteil der gefangenen (und bereits dabei in großer Zahl getöteten) Tiere beim Kunden ankommt....

Hinzu kommt bei mir als Forscher die direkte Kenntnis dessen, was bei der Suche nach Völkern ganz bestimmter Arten an „Kollateralschäden“ entsteht, das Wissen um den „Verbrauch“ an Versuchstieren, und auch natürlich darum, dass nach Abschluss von Zuchtversuchen und Verhaltensexperimenten oft viele lebende Tiere übrig bleiben. Was damit tun?
Was auch hätten wir tun sollen mit den von uns in großer Zahl selbst gezüchteten Völkern? Z. B. von Harpagoxenus sublaevis waren das einige Hundert intakte Völkchen: Es galt etwa die Erfolgsraten genetisch verschiedener junger Königinnen beim Einkämpfen in ein Wirtsvölkchen zu bestimmen. Das geht nicht mit nur zwei oder drei Jungköniginnen. Oder bei Myrmecina graminicola, Verkreuzung von Gynomorphen mit Söhnen von Gynomorphen vs. Intermorphen: Welche Gynen-Formen entstehen? (Nachweis der genetischen Grundlage dieses Königinnen-Polymorphismus).

Die „übrigen“ Völkchen wurden am Ende in Alkohol konserviert und standen für weitere morphologische Untersuchungen zur Verfügung. - Zu jenen Zeiten gab es noch keinen Ameisenhandel, und kaum Interessenten für eine Privathaltung, sonst hätte ich vermutlich versucht, die Völkchen über den Handel zu veräußern. Zudem ist die Privathaltung etwa von Harpagoxenus wenig aussichtsreich. Ein paar Völkchen hatte ich abgegeben, aber die Rückmeldungen waren wenig ermutigend. Aussetzen ist aufgrund der vielfach diskutierten Probleme ein no-go. :roll:

Was mir bei diesem "Gedankensplitter" in den Sinn kam, waren die doch recht häufigen Forenbeiträge, in denen User jeder einzelnen verstorbenen Arbeiterin nachweinen, und wo bei einer verstorbenen Königin gerne empfohlen wird, das Restvolk doch „human“ zu Ende zu pflegen usw..
Ich möchte einfach anregen, diese Dinge realistisch zu betrachten. Die Diskrepanz zwischen den tatsächlichen, meist unvermeidbaren „Verlusten“ an solchen Insekten (Verluste durch menschliche Aktivitäten in Land- und Forstwirtschaft, Verkehr, Pestizide etc. eingeschlossen) und der m. E. übertriebenen Gefühlsduselei mancher User, wenn es um das unerwünschte Ableben einzelner Tiere als Folge der Haltung geht, ist für mich etwas irritierend.

Manchmal erinnert das an Aussagen wie „für mich muss kein Tier sterben“ von Veganern (im weitesten Sinne): Sie vergessen oder verdrängen, dass auch in der Erzeugung und Vorratshaltung pflanzlicher Nahrungsmittel unzählige tierische Schädlinge, von Insekten bis Mäusen und Ratten, ihr Leben lassen müssen.

Bitte nicht missverstehen: Ich plädiere nicht für den gedankenlosen Verbrauch von Ameisen (und anderen Tieren) aus dem Freiland! Ich bin aber auch nicht prinzipiell gegen die private Haltung von Ameisen. Man sollte sich aber als Halter im Klaren darüber sein, dass es dabei um oft weit mehr Tiere (Königinnen, Völker) geht, die für die eine m. o. w. erfolgreich gehaltene Kolonie der Natur entzogen werden. Es gilt, Schäden für die natürlichen Populationen möglichst gering zu halten. Am besten gelingt dies wohl, wenn man sich auf junge Gynen vom Schwarmflug einheimischer Arten beschränkt.

MfG,
Merkur
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Re: Gedankensplitter

Beitragvon Phillip Alexander » Sonntag 12. November 2017, 15:35

Merkur hat geschrieben: Hinzu kommt bei mir als Forscher die direkte Kenntnis dessen, was bei der Suche nach Völkern ganz bestimmter Arten an „Kollateralschäden“ entsteht, das Wissen um den „Verbrauch“ an Versuchstieren, und auch natürlich darum, dass nach Abschluss von Zuchtversuchen und Verhaltensexperimenten oft viele lebende Tiere übrig bleiben.

Ich denke das ist eben genau der Punkt, das Sammeln von Ameisen zumindest im größerem Stil sollte sich auf das Fangen von Königinnen möglichst während des Schwarmfluges konzentrieren, weniger auf das Ausgraben bestehender Kolonien. Dann bleibt der Kollateralschaden und vor Allem der Schaden für lokale Populationen der betroffenen Art so gering wie möglich.

Einzelne Königinnen brauchen ihre Zeit und Pflege um zu gründen, gerade bei semiclaustral gründenden Arten und dann können sie zum Einen recht lange gelagert werden, ohne über den Kopf zu wachsen und sind zum Anderen am Ende auch ihren Preis wert. Das zu Merkurs Punkt, dass semiclaustral gründende Arten möglichst schnell verkauft werden müssten - ich denke nein, es gibt genug Leute, die etwas mehr bezahlen und dafür wissen, dass sie eine stabile und gesunde Kolonie erhalten.

Das Sammeln von Jungköniginnen erfordert natürlich entweder Sammler, die ganzjährig vor Ort sind oder eine Reise in andere Länder muss genau auf die Schwarmflüge der betroffenen Art abgestimmt sein, was das Risiko und damit am Ende den Preis erhöht.

Natürlich gibt es immer noch oder gerade in letzter Zeit die Menschen, die hunderte Kolonien ausgraben, die Landschaft als Minenfeld hinterlassen und dann alles schnell und billig raushauen müssen, weil die Kolonien vor sich hin siechen und wegsterben, wenn sie nicht schnell an den Mann gebracht werden.

Ich finde Steffen hat es gut auf den Punkt gebracht, wo der Unterschied zwischen einer verantwortungsvollen Bestandsplanung und dem massenhaften Verscherbeln von Kolonien liegt. Letztere Methode bringt viel mehr Opfer mit sich und ist in meinen Augen nicht unterstützenswert. Am Ende liegt es am Käufer, ob er darüber nachdenkt oder nur über den Preis, wie bei Fleisch im Supermarkt. Und wie für Bio-Fleisch gibt es auch für verantwortungsvoll gesammelte und aufgezogene Ameisen einen Markt.

LG, Phillip
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Re: Gedankensplitter

Beitragvon Emse » Sonntag 12. November 2017, 17:10

Merkur hat geschrieben:Unverkaufte Ameisen: Was geschieht damit?

Einige Händler reduzieren gelegentlich die Preise für ihre "Ladenhüter", gerade bei hochpreisigen und pflege-intensiveren Ameisen, wie etwa Blattschneidern.

Sonstige Optionen (insbesondere bei "Massenware" etc): Mülltonne

Merkur hat geschrieben:[..] und der m. E. übertriebenen Gefühlsduselei mancher User, wenn es um das unerwünschte Ableben einzelner Tiere als Folge der Haltung geht, ist für mich etwas irritierend. [..]

Das erinnert mich an das Sprichwort: "Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall." ;)
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