Krieg als Lösung für Territorialkonflikte

Krieg als Lösung für Territorialkonflikte

Beitragvon Boro » Sonntag 30. August 2015, 11:14

Krieg als Lösung für Konflikte - und ein paar Nutznießer
Gestern waren wir - wie fast täglich - im Gelände: Es sollte ein "Abschiedsbesuch" bei einem sehr ferfolgreichen Amazonennest sein. Nach Überprüfung einiger Polyergus-Nester in 3 verschiedenen Regionen, komme ich zum Schluss, dass die Amazonen ihre Raubzüge schon vor einigen Tagen für 2015 eingestellt haben. Erstaunlich: Tolles Wetter, 31° und fast wolkenlos! Den Grund für das frühe Aktivitätsende konnte ich auch erheben: Bei Serviformica spp. gibt es kaum noch Brut. Entweder ist das auf den früher begonnenen und durch das warme Wetter kaum unterbrochenen Aktivitätszyklus zurückzuführen oder sollte das frühe Aktivitätsende bei Serviformica vielleicht auf einen frühen Winterbeginn hinweisen??
Wie auch immer, ich hatte keine Kamera mit, der Sohn nur das Lupenobjektiv und der Hund konnte auch nicht helfen.....
Aber wir hätten eine anderes Objektiv dringend benötigt, da wir einen (sicher seltenen) Angriff einer Camponotus vagus-Armee auf ein Raptiformica-Nest erleben konnten. Ein tolles Spektakel, bisher ist mir C. vagus anderen Ameisenarten gegenüber nicht als besonders aggressiv aufgefallen. Im Gegenteil: In einem anderen Gebiet mussten je ein C. vagus- und C. ligniperdus-Nest den ständigen Belästigungen durch Formica fuscocinerea weichen; dort war von einer erfolgreichen Abwehr der kleinen, quirligen Angreifer keine Spur!
Leider kann man mit dem Lupenobjektiv gerade 1 od. 2 Ameisen auf das Foto bekommen. Ein ganze Armee - sicher über 200 Majore sind ausmarschiert um das nur 1 m weit entfernte noch junge Raptiformica-Nest zu erobern. Die großen Camponotus-Arbeiterinnen bringen den sog. "Mandibelkampf" zum Einsatz, d. h. dass sie fast ausschließlich mit den Mandibeln zubeißen und töten, ihre Ameisensäure wird kaum eingesetzt. In dem noch jungen Raptiformica-Nest waren etwa gleich viele Hilfsameisen wie Raptiformica. Ein einziger Biss reichte um eine F. fusca auf der Stelle zu töten, ein,zwei Bisse beendeten das Leben der an sich kräftigen und aggressiven Waldameisen. Jedenfalls erschien der Einsatz der Mandibeln weit effektiver als jener von Polyergus. Die gemischte Population des Raptiformica-Nestes geriet bald in Panik und zahlreiche Arbeiterinnen versuchten mit Puppen zu flüchten; auch 2 Königinnen wurden in Sicherheit gebracht. Die vagus-Majore verfolgten die Flüchtenden und drangen in deren Nest ein. Die Tatsache, dass keine einzige Media-Arbeiterin auf seiten der Angreifer zu sehen war, lässt eine subkastenähnliche Funktion der Majore als Krieger für möglich erscheinen.
Ja, und ein paar Profiteure des Geschehens stellten sich auch ein....
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Details aus dem Kampfgeschehen
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Ein ungleicher Kampf
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Ein einziger Biss für die Hilfsameise
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Eine C. ligniperdus wollte gleich "mitmischen", war wohl der falsche Gegner!
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Hier muss es einen Kampf gegeben haben: Der Kopf auf der toten C. ligniperdus dürfte von einer C. vagus stammen
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Eine tote Raptiformica liegt abseits. Was versteckt sich dahinter?
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Für eine wohl subadulte, weibliche Spinne ist so eine frisch-tote Ameise ein Leckerbissen
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Sicherheitshalber wird das Opfer eingespinnt
Boro
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Re: Krieg als Lösung für Territorialkonflikte

Beitragvon Reber » Sonntag 30. August 2015, 22:14

Das sind atemberaubend Bilder und ein beeindruckender Bericht -einmal mehr vielen Dank Boro!

Dazu noch eine Frage: Im Wallis konnte ich grosse Camponotus vagus Majoren beobachten, die sich scheinbar in einer "Geschwader in Formation" über eine Naturstrasse bewegten. Nicht auf Ameisenstrassen oder so, sondern sie "patroullierten" in Gruppen von 5 bis 7 Tieren. Änderte(n) die erste(n) Ameisen die Richtung, folgten die anderen! In der Umgebung hatten sich Tetramorium-Arbeiterinnen eine - vermutlich vorher zertretene - C. vagus geschnappt. Gut möglich, dass diese als Bedrohung wahrgenommen wurden und c. vagus mobilisierte. Es gab aber keinen Angriff, während meiner Beobachtungszeit.

Ich habe versucht Bilder von den "Patrouillen" zu machen, aber die taugen leider überhaupt nichts! Es sah so aus, als liefen sie in "Dreiecks- oder V-formation" (natürlich nicht präzise, aber so in der Weise) und als wüden sie sich optisch orientieren.

Zufall? Oder hat jemand ähnliche Beobachtungen gemacht?

Und wie muss ich mir so einen C. vagus-Überfall vorstellen? Massen- bzw. Major-Mobilisierung und dann kämpft jede für sich? Oder unterstützen sich die Majore im Kampf gezielt. Wie z.B. Ameisen, die ihre Gegnerinnen strecken, aber halt eben mittels Mandibel-Kampf?
Camponotus vagus bewegen sich in Gruppe.JPG
Hier ist so eine Gruppe, aber leider habe ich kein besseres Bild davon hingekriegt...
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Re: Krieg als Lösung für Territorialkonflikte

Beitragvon Trailandstreet » Montag 31. August 2015, 08:20

Leider sind die Camponotus bei uns nicht so dicht gesät, dass man hier über offene Auseinandersetungen berichten könnte, Man findet aber gerade bei Neststörung gleich etliche Majore darum herum wuseln. Dass sie jetzt gezielt patroullieren würden, konnte ich abseits der Nester noch nicht beobachten. Im Nestbereich selbst, bzw einige Meter im Umkreis trifft man sie schon eher gruppenweise an.
Das gezielte gemeinschaftliche Vorgehen ist wohl die Hauptstrategie der Lasius.
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Re: Krieg als Lösung für Territorialkonflikte

Beitragvon Boro » Montag 31. August 2015, 08:33

Ja, solche Patroullien habe ich schon öfter gesehen. Entweder haben sie "Wind" von einer Nahrungsquelle bekommen oder - wie in deiner Beobachtung - rückt ein Trupp aus, wenn eine Bedrohung wahrgenommen wird. Die Art reagiert auch sehr empfindlich auf Erschütterungen oder eben Gerüche. Bei einem (leider durch menschliche Dummheit) inzwischen vernichteten Riesennest v. C. vagus konnte ich nie näher als 1 m kommen, ohne dass sie mich wahrgenommen hätten und sofort in Massen angerückt kamen. Entweder haben sie trotz der den Indianern nachgesagten Anschleichmethode meine Annäherung gespürt oder meine Anwesenheit gar geruchlich wahrgenommen (CO² od. Schweiß?); es könnte auch eine kurze Abschattung des Baumstammes durch meine Person ausschlaggebend gewesen sein. Jedenfalls reagieren gerade große Nester enorm sensibel auf jede mögliche Gefahr!
Sie sind Einzelkämpfer, sie rücken an und jeder erreichbare Gegner wird mit einem Biss erledigt. Aber ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, dass sie ein sehr volksstarkes Nest von Raptiformica angegriffen hätten, denn die arbeiten sehr wohl kooperativ und wären sicher zahlenmäßig deutlich überlegen gewesen!
SEIFERT (S. 264) schreibt, dass es Koloniestärken bis 10 000 Individuen geben kann. Solche Nester sind selten, aber ich kenne ein paar. Ich weiß nicht, diese Art fasziniert mich immer mehr....
L.G.
Kleiner Nachtrag: In einer Kampfpause muss man ein wenig ruhen (und sich putzen)! Alle Fotos v. Roman Borovsky
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