Wenn Amazonen töten

Wenn Amazonen töten

Beitragvon Boro » Mittwoch 25. Juni 2014, 20:30

Mit Polyergus rufescens habe ich mich schon an anderer Stelle befasst, da ging es eher um die Vorstellung einer Art (viewtopic.php?f=48&t=506); jetzt geht es aber um Verhaltensweisen, die aus Naturbeobachtungen bzw. der Feldforschung stammen.
Die Amazonenameise muss Raubzüge gegen Serviformica spp. unternehmen, da sie allein nicht lebensfähig ist. Diese Raubzüge sind im Prinzip nur auf das Rauben der Brut beschränkt, die in den eigenen gemischten Nestern zu neuen Hilfsameisen herangezogen wird. Man kann damit rechnen, dass in einem funktionierenden Polyergusnest das Verhältnis von Amazonen zu Hilfsmeisen mindestens 1:3 lauten muss. Das Töten der Hilfsameisen während des Überfalls steht nicht auf dem Programm, es geht schließlich um die Schonung der Ressourcen: das Nest soll mehr als einmal in der Saison beerntet werden.
Die Raubzüge v. Raptiformica dagegen richten sich auf den Erwerb der Brut (auch zur Aufzucht als Hilfsameisen) und aller Volksmitglieder als Nahrung. [/u]

Aber es läuft nicht immer nach "Plan"! Folgende Verhaltensweisen v. Polyergus können beobachtet werden:
1. Kleine Serviformica-Nester werden beraubt, keine einzige Ameise kommt zu Schaden. Die Nestbewohner werden ignoriert, als ob sie nicht anwesend wären.
2. Bei größeren Nestern dauert die Ernte länger, das Propagandapheromon hat eine zeitlich beschränkte Wirksamkeit. Die Hilfsameisen kommen an die Oberfläche, versuchen ihre Brut zu retten, es kommt hin und wieder zu Gezerre und einigen Raufereien. Kommt eine Amazone in Bedrängnis, kann sie ihre tödlichen Waffen einsetzen, das sind die sichelartigen Mandibeln.
3. Volksstarke Nester beginnen sich rasch zu wehren, es kommt zu mehreren Kampfhandlungen, wobei sich 2 ungleiche Strategien gegenüberstehen: Die Amazone als Einzelkämpfer mit überlegenen Waffen, die Serviformica sp. verfügt dagegen über die Taktik des gemeinsamen, kollektiven Vorgehens. Wird eine Amazone von 2, 3 Hilfsameisen "gestreckt", hält sie zuerst kurz inne um sich dann durch plötzliche, ruckartige Bewegungen loszureißen; das gelingt häufig!
4. Volksstarke Nester vor allem v. Formica rufibarbis können in Einzelfällen den Angriff sogar abwehren, in vielen Fällen aber starken Widerstand leisten. Die Art gilt als aggressiv, die keinesfalls als leichter Gegner einzustufen ist. Es kann hier manchmal zu regelrechten Schlachten kommen, die bis zu einer halben Stunde anhalten. Man kann sagen: Je heftiger die Gegenwehr der Überfallenen, desto aggressiver reagieren die Amazonenameisen. Dazu sehen wir auch einige Fotos.
5. Zu einem wahren Gemetzel kommt es, wenn ein Amazonenheer ein anderes gemischtes Amazonennest überfällt. Das Konkurrenzverhalten der Art würde ich als "extrem" bezeichnen, es geht um Leben oder Tod. Das siegreiche Nest hat das Anrecht über eine größere Anzahl an Wirtsnestern, nur darum geht es. Hier ist die Strategie des Aggressors von Anfang an anders ausgelegt: Es geht nachrangig um den Brutraub (Brut bleibt sogar oft liegen) und vordergründig um den Tod der anderen Polyergus-Königin, die naturgemäß von den eigenen Volksgenossen verteidigt wird. Ist die fremde Königin tot, können die Aggressoren abziehen, das Nest ist dem Untergang geweiht. Die Hilfsameisen verlassen oft das Nest, die restlichen Amazonen verhungern in wenigen Tagen.
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Formica rufibarbis beginnt sich zu wehren
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Ein besser bewaffneter Einzelkämpfer gegen Teamarbeit der Verteidiger
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Hier erweist sich die Teamarbeit als die bessere Strategie!
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Amazonen gegen F. fusca? Überfall der Amazonen auf ein Poyergus x F. fusca-Nest
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Die Amazone zeigt der heranstürmenden Verteidigerin ihre furchterregenden Waffen!
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Polyergus ist streng monogyn: Eine dealate, frisch begattete Gyne wird auf einem Polyergusnest fixiert und getötet; wahrscheinlich ist es die Schwester der Amazonen!
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Der wahrscheinlich tödliche Biss erfolgt in die empfindliche Stelle zw. Gaster u. Petiolus
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Hier geht es um Leben oder Tod: Auch der Biss in die "Nackenregion" zw. Thorax und Kopf wird oft angewandt. Jeder will jeden töten!
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Ein andere Szene des grausamen Spektakels!
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3 Amazonen und eine Hilfsameise erledigen gemeinsam einen Feind
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Kein Pardon: Alle Gegner müssen sterben...
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Re: Wenn Amazonen töten

Beitragvon Boro » Mittwoch 25. Juni 2014, 21:29

Eine häufig v. Amazonen angewandte Methode zur raschen Tötung des Gegners ist noch unerwähnt geblieben: Es ist der Biss in die Kopfkapsel. Dadurch wird der Gegner sofort außer Gefecht gesetzt. Das Zentralnervensystem wird geschädigt, die Betroffene bleibt einfach nur stehen od. dreht sich fortan im Kreis! Hier noch ein Bild dazu:
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Re: Wenn Amazonen töten

Beitragvon Merkur » Donnerstag 26. Juni 2014, 09:52

Mir ist ein Bericht in Erinnerung, wonach die Polyergus-Mandibeln auf der Innenseite eine sehr feine, sägeartige Bezahnung haben, die gerade beim "Stich" in eine Kopfkapsel von Bedeutung ist. Es war eine Veröffentlichung, und wenn ich mich richtig erinnere, von einem österreichischen Autor. Weiß jemand Genaueres?
MfG,
Merkur
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Re: Wenn Amazonen töten

Beitragvon Boro » Donnerstag 26. Juni 2014, 11:33

Ja, das ist richtig!
Dietrich C. O. (1995): Funktionsmorphologische Betrachtung der Mandibeln von Polyergus rufescens (LATREILLE, 1789) und Strongylognathus MAYR, 1853 (Hymenoptera: Formicidae). Myrmecologische Nachrichten. Bd. 1: 33-37.
L.G.
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Re: Wenn Amazonen töten

Beitragvon Trailandstreet » Donnerstag 26. Juni 2014, 13:41

Ist schon interessant, dass sogar die "Waffen" so sehr spezialisiert sind.
Ich hab sogar noch die Abhandlung dazu gefunden, falls es noch wer nachlesen möchte.
http://www.landesmuseum.at/pdf_frei_rem ... 3-0037.pdf
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Re: Wenn Amazonen töten

Beitragvon Boro » Dienstag 4. August 2015, 08:14

Wie ich schon mehrfach berichtet habe, gibt es bei Überfällen von Polyergus auf Formica rufibarbis-Nester nicht selten heftige Auseinandersetzungen, die auch mit Toten enden können. F. rufibarbis ist bei uns die größte Serviformica-Art und gilt als aggressiv und gegen Sozialparasiten relativ widerstandsfähig. Interessant sind aber Meldungen von usern vor allem aus dem subpannonischen Raum (Ostösterreich), wonach sie kaum jemals Kämpfe zwischen den Kontrahenten beobachten konnten und es gibt zudem ausgesprochene Experten, die nicht glauben können, dass dabei auch Amazonen hin und wieder zu Tode kommen.
Gestern konnte Sohn Roman schöne Fotos einiger Kämpfe zw. Polyergus und F. rufibarbis machen, die ich hier auszugsweise poste!
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Angreifer und Verteidiger geraten sich "in die Haare"!
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Man kann gut erkennen, dass die Kontrahenten etwa gleich groß sind
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...aber die Bewaffnung ist unterschiedlich: Die Amazone bekommt den Kopf der Gegnerin zu fassen
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und eine der Mandibeln durchdringt die Kopfkapsel!
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Re: Wenn Amazonen töten

Beitragvon Maddio » Dienstag 4. August 2015, 14:55

Sehr interessante Reihe mit tollen Fotos!

Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen Polyergus und Raptiformica? Wissen die Amazonen instinktiv, dass es sich um Nester der Raubameisen handelt, und werden diese dann gemieden? Oder kommt es zu Kämpfen und im Endeffekt durch Puppenraub sogar zu Amazonennestern mit Raubameisenanteil?
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Re: Wenn Amazonen töten

Beitragvon Hoffer » Dienstag 4. August 2015, 16:40

Hallo Maddio!
Auf deine erste Frage, ob P.r. die Nester von Raptiformica erkennt, kann ich dir nicht wirklich beantworten...
Aber letztes Jahr konnte ich einen versuchten Überfall auf ein starkes Nest von Raptiformica beobachten und es endete in einer totalen Niederlage von P.r.. Die Amazonen hatten erkannt, dass sie sich diesmal den falschen Gegner ausgesucht hatten und ergriffen ohne Beute die Flucht. Allerdings wurden sie von hunderten Raptis verfolgt und gejagd. Es gab Opfer auf beiden Seiten.
Boro hat schon mal berichtet, dass es erfolgreiche Raubzüge gegen Raptiformica gibt und danach auch welche im Nest von P.r. über einen längeren Zeitraum nachgewiesen.

LG Andreas.
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Re: Wenn Amazonen töten

Beitragvon Maddio » Dienstag 4. August 2015, 17:59

Der peinliche Moment, in dem einem bewusst wird, dass man dieselbe Frage schon einmal vor 7 Jahren gestellt hat.
http://www.ameisenforum.de/post179978.html

:crazy:
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Re: Wenn Amazonen töten

Beitragvon Reber » Dienstag 4. August 2015, 18:09

Hier übrigens noch ein sehr interessanter Link zu Boros Thema: Formica (Raptiformica) sanguinea und Polyergus rufescens
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wieder mal von vorne an“
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Re: Wenn Amazonen töten

Beitragvon Boro » Dienstag 4. August 2015, 21:13

Hallo Maddio! Nichts muss peinlich sein, es ist lange her und fast niemand beschäftigt sich so intensiv mit dieser Art wie meine Wenigkeit. Außerdem sind im alten AF alle Bilder weg, die man sich irgendwie einprägen könnte....
Hallo Reber: Danke für die Verlinkung, passt sehr gut hier her!
Keine Frage, dass die Amazonen gegen so kräftige und aggressive Gegner keine Chance haben. Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass die Amazonen in der Lage sind die gut gepanzerte Kopfkapsel v. Raptiformica zu durchbohren. Noch weniger wirksam sind die säbelförmigen Mandibeln gegen andere große Ameisen: Eine Media-Arbeiterin von C. ligniperdus braucht für den Kampf gegen Polyergus 2 Bisse, ein Major nur einen Biss um zu töten. Schon ein paar Mal gesehen!
L.G.
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