Eine seltene Art: Harpagoxenus sublaevis

Eine seltene Art: Harpagoxenus sublaevis

Beitragvon Boro » Montag 17. August 2015, 14:17

Harpagoxenus sublaevis habe ich selbst noch nicht gefunden, Sohn Roman ist anlässlich der zoologischen Woche Mitte Juli im Nationalpark Gesäuse in der Steiermark/Österreich unter der Leitung von H. C. Wagner fündig geworden. Eine spannende Art mit ungewöhnlicher Morphologie und höchst bemerkenswerter Biologie. Ich kenne mich da weniger aus, aber wir haben mit Merkur den Experten in unseren Reihen, der sicher dazu mehr sagen kann.
Ich stelle auch mit Freude die eine oder andere Parallele zu Polyergus fest!
Jedenfalls handelt es sich um eine sozialparasitische Art und obligatorischen Sklavenjäger bei Leptothorax spp. Die kneifzangenartigen Mandibeln (ohne Zähnchen) dienen dem Abschneiden der Gliedmaßen von Verteidigern im Zuge des gewaltsamen Eindringens in ein Wirtsnest. Sofort fallen auch die zwei Stirnfurchen auf, in die der Jäger seine Scapi zum Schutz vor Verletzung einlegen kann. Ähnlich wie Polyergus wird der Mandibelkampf bevorzugt, inwieweit auch der Stachel eingesetzt wird, weiß ich nicht. Auch Polyergus setzt die Giftdrüse nur im Notfall ein.
Wenn ein scout ein Wirtsnest ausgemacht hat, erfolgt daheim die taktile "Meldung", das ist auch bei Polyergus so, erst dann erfolgt die Alarmierung über chem. Substanzen. Während Polyergus bis über 80 m weit in einer organisierten Marschkolonne angreift, gibt sich das kleine Völkchen der Harpas bescheidener: Der Tandemlauf ist angesagt. Die Orientierung soll über polarisierte Lichtmuster im UV-Bereich erfolgen, wie es auch (u. a.) für Polyergus belegt ist.
Interessant ist auch, dass die Fortpflanzung ganz vorwiegend über (flügellose, immer?) Intermorphe stattfindet. Das "Locksterzeln" findet in Nestnähe statt - aus der Giftdrüse wird ein Sexuallockstoff abgegeben - die Männchen stürmen dann herbei! Locksterzeln soll es auch bei Polyergus geben, die Gyne gibt aber in diesem Fall ein hochwirksames Sexualpheromon aus der Mandibulardrüse ab [ich konnte diese Begattungsvariante selbst nicht beobachten, bei "mir" sind immer alle Geschlechtstiere abgeflogen].
Diese Sozialparasiten sind wirklich ungemein interessant, ein Wahninn......
Wie gesagt, Sohn Roman hat Photos gemacht, da es sich aber um eine seltene Art handelt, werden Bilder in heiklen Fällen ab sofort mit einem "Wasserzeichen" versehen, damit nicht jeder Außenstehende mit den Bildern machen kann, was er will....
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Dateianhänge
IMG_6227pswasser.jpg
laterale Ansicht
IMG_6265pswasser.jpg
frontal, man beachte Kopfform, Mandibeln und Stirnfurchen
IMG_6362pswasser.jpg
Hier sieht man die Stirnfurchen besonders gut
IMG_6386pswasser.jpg
Propodealdornen, Petiolus, Postpetiolus ...
Boro
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Re: Eine seltene Art: Harpagoxenus sublaevis

Beitragvon Merkur » Montag 17. August 2015, 19:11

Hallo Boro,

Danke für den Anstoß! In der Tat habe ich so viel Stoff über H. sublaevis, H. canadensis und auch den früher fälschlich zu der Gattung gestellten Protomognathus americanus, dass ein lange geplanter Beitrag im AWiki nie fertig wurde! - Nach den aktuellen Ereignissen dort werde ich ihn auch lieber hier einstellen :roll: ).
Nur so viel im Moment: Es gibt tatsächlich Freilandkolonien mit gynomorpher Königin, wenngleich außergewöhnlich selten! Regional (Nordeuropa) fehlt die genetische Grundlage für die Entstehung von Gynomorphen völlig.
Und: Ich muss den Tieren geradezu dankbar sein dafür, dass sie mir so viele tolle Erkenntnisse vermittelt haben. Die Publikationen darüber haben mir sehr geholfen bei der Bewerbung um meine Professur! :)

MfG,
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Re: Eine seltene Art: Harpagoxenus sublaevis

Beitragvon Boro » Dienstag 18. August 2015, 09:17

Eine Frage geht mir noch durch den Kopf: Offensichtlich ist Harpagoxenus hoch spezialisiert. Eine derartige Spezialisierung, sprich konzentrierte Anhäufung von bestimmten Fähigkeiten, geht in der Regel mit dem Verlust anderer, "üblicher" Fähigkeiten einher. Wie steht es mit der selbständigen Ernährung von Harpagoxenus? Polyergus hat diese Fähigkeit verloren, nur die Aufnahme von etwas Flüssigkeit ist noch möglich, ansonsten müssen die Insekten gefüttert werden - wie Säuglinge mit dem Fläschchen!
Vor einem Monat habe ich mit einer Polyergus-Gyne zum x-ten Mal ein gemischtes Nest gegründet - besser gesagt, es ist vorerst beim Versuch geblieben: Zweimal wurden die zur Gründung verwendeten jungen F. rufibarbis-Arbeiterinnen letztlich alle von der Gyne getötet (nicht zum ersten Mal!). Beim dritten Versuch mit F. fusca hat es sofort geklappt! Da sind inzwischen an die 14 Tage vergangen, in denen sich die Gyne bei mehrmaliger Beobachtung von etwas Wasser und Ahornsirup ernährt hat, inwieweit sie von der einen od. anderen F. rufibarbis-Arbeiterin (vor deren Tötung) dazwischen auch genährt wurde, bleibt im Dunkeln.
L.G.
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Re: Eine seltene Art: Harpagoxenus sublaevis

Beitragvon Merkur » Dienstag 18. August 2015, 11:24

Zur Ernährung von H. sublaevis kann ich nur sagen, dass wir in zahllosen Versuchen über viele Jahre niemals eine Arbeiterin oder Intermorphe am Futter sahen. Auch sonstige Aktivitäten wie Nestausbau oder Brutpflege konnten nicht beobachtet werden.

Zwei Zufallsbeobachtungen sind mir in Erinnerung: Die Rekrutierungspheromone von H. sublaevis und den Wirten sind sehr ähnlich oder gar chemisch gleich (was Unterschiede in den Sekretmengen nicht ausschließt; das Pheromon stammt aus der Giftdrüse, die auch den Sexuallockstoff der Harpagoxenus-Weibchen liefert).

Beobachtung 1: Eine Arbeiterin von Leptothorax acervorum „wollte“ im Nest zum Honig rekrutieren. Eine Arbeiterin von H. s. folgte ihr bis zur Futterstelle, wo sie mit dem üblichen Signal der Führameise „abgehängt“ wurde (es ist ein kurzes Umwenden der Führameise mit ein paar Fühlerschlägen auf den Kopf der Folgerin). Die Harpagoxenus stand sichtlich verwirrt fühlernd da und „wusste“ anscheinend nicht, weshalb sie dorthin geführt worden war.
Umgekehrt führten H. sublaevis während ihrer Raubzüge gelegentlich Sklaven im Tandem zum Kampfplatz, was aber für diese i. d. Regel nicht gut ausging.

Beobachtung 2: Wir beobachteten einen Raubzug auf ein natürliches Holznest mit einem Volk von Leptothorax muscorum. Deren Nesteingänge sind entsprechend der gerigen Größe dieser Sklavenart sehr eng. Eine per Tandem von einer H. s. zum Nesteingang geführte größere Harpagoxenus nagte einige wenige Holzsplitter aus dem Nesteingang, so dass sie schließlich hindurch passte.

Das Verhaltensinventar der Sklavenhalter ist also auch hier stark reduziert und allenfalls in Rudimenten vorhanden.

MfG,
Merkur
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