Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Donnerstag 19. Juni 2014, 16:37

Die Bezeichnung "Amazonenameise" bezieht sich auf die Kriegerinnen aus der griechischen Mythologie. Die Bezeichnung ist insofern richtig, als die "Amazonenameisen" insgesamt Kriegerinnen und Herrscherinnen (über fremde Völker??) sind. Heute will ich mich nur mit deren Erscheinungsformen beschäftigen. Polyergus gilt als obligatorischer Sozialparasit. Eine begattete Gyne v. Polyergus kann ihre Nestgründung nur in sozialparasitischer Form vornehmen. In Wirklichkeit ist die Art hochgradig degeneriert: Weder Jungkönigin noch Arbeiterinnen (v. den Männchen will ich garnicht reden) können sich selbst ernähren(sie müssen stets gefüttert werden), sie besitzen keinen natürlichen Trieb zu Nestbau, Versorgung der Brut od. Nahrungsbeschaffung! All diese Arbeiten müssen Hilfsameien od. Sklaven übernehmen! Als "Sklaven" dienen die "Sklavenameisen", Serviformica spp. Nach bisherigem Wissensstand kommen folgende Wirtsameisenarten in Frage: Formica fusca, F. cunicularia, F. clara, F. gagates (?), F. fuscocinerea, F. cinerea. Andere Arten scheiden aus: F. selysi (kaum syntope Vorkommen), ebenso F. picea (Gebirge), F. lemani (nasse Wiesen etc.)
Die Lebensräume der xerothermophilen Art sind planare u. kolline Bereiche, offene Habitate bevorzugt in Südhanglagen, Trockenwiesen, Halbtrockenrasen, Ruderalfluren, sonnige Waldränder. Die Art gilt in Mitteleuropa als gefährdet, sehr gefährdet od. vom Aussterben bedroht. In einigen Bundesländern Österreichs ist sie bisher nicht nachgewiesen, das dürfte in D ähnlich sein. Am Südrand der Alpen und im Pannonischen Raum ist die Art weniger gefährdet. Es gibt keine flächendeckenden, sondern nur inselartige Vorkommen, die zudem eine höhere Dichte von Serviformica-Nestern aufweisen müssen. Nebenbei ist die Art während der Ruhezeit (von Mitte September bis Mitte Juni) so gut wie nicht sichtbar, einen Raubzug der Art in der aktiven Zeit direkt beobachten zu können, gehört zu einem sicher seltenen Glücksfall.
Die Art ist nur in der CH gesetzlich geschützt, sonst macht man sich um Lebenwesen, die dem Menschen nicht direkt nützlich sind (Waldameisen!!) keine Sorgen. Die Färbung ist nicht einheitlich, es gibt Völker mit einer eher rot-braunen, mitunter braun-roten Gesamterscheinung und andererseits rote Individuen mit einer fast orangen Gaster. Die Gynen sind dunkelrot bis braunrot und nehmen im Zuge der Nestgründung immer eine orange-rote Färbung an. Ich werde auch noch ein Bild einer schwärzlich-roten Gyne zeigen, diese Farbvariation tritt immer wieder auf. Die amerikanischen Arten (vor der taxonom. Neuordnung P. lucidus u. P. breviceps) sind ähnlich gefärbt, die zentralasiatisch-ostasiatischen Arten (P. nigerrimus u. P. samurai) ganz dunkel.
Daneben treten in größeren Nestern im Sommer vermehrt Intermorphe auf, Zwischenformen zw. Arbeiterin und Vollweibchen. Ihre Funktion ist derzeit nicht erwiesen, es handelt sich aber um keine Missbildungen im eigentlichen Sinn, weil diese Formen auch bei amerikanischen und asiatischen Arten auftreten und somit genetisch bedingt sein dürften. Die Männchen sind gänzlich schwarz. Die Größe der Arbeiterinnen beträgt meist zw. 7 u. 8 mm, jene der Gynen etwa 9 mm.
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Eine "Arbeiterin", besser Kriegerin v. Polyergus rufescens
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Eine dealate Gyne in lateraler Ansicht
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Die säbelartigen, feinst gezähnten Mandibeln der Gyne; nicht zur Nahrungsaufnahme geeignet
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Eine Zwischenform, eine Intermorphe od. Ergatogyne, wie sie in größeren Nestern immer wieder auftritt
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Arbeiterinnen erscheinen am Nesteingang kurz vor dem Raubzug
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Fütterung vor einem Polyergus-Nest mit der sehr seltenen Kombination v. Hilfsameisen aus F. fusca und F. cunicularia
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens: Raubüberfälle

Beitragvon Boro » Freitag 20. Juni 2014, 22:19

Die Raubzüge
Der Name der Amazonenameise Polyergus rufescens wird eng mit den durchgeführten Raubzügen in Verbindung gesetzt. Die Begriffe "Raubzug" oder "Tötung" sind in der menschlichen Gesellschat zu Recht negativ besetzt, aber in solchen Kategorien dürfen wir hier nicht denken. Es handelt sich um gleichsam "programmierte", instinktgesteuerte und vor allem zum eigenen Überleben unerlässliche Verhaltensweisen. Wie im 1. Kapitel geschildert, ist Polyergus nicht in der Lage sich selbst zu ernähren, hat keinen Nestbau-, keinen Brutpflege- od. Nahrungserwerbinstinkt. So weit degeneriert sie auch sein mag, die Amazone ist dafür mit anderen Vorzügen ausgestattet, die sie zu einer hervorragenden "Kampfmaschine" machen: Zu säbelförmigen Waffen umgeformte Mandibeln, der Einsatz chemischer Kampfstoffe und ausgezeichnete Orientierungseigenschaften und die Fähigkeit, sehr gut organisierte Kampfeinheiten rasch an das Ziel zu bringen. Die hochgradige Spezialisierung hat eben ihren Preis....
Zitat aus SEIFERT S. 54: "Die schlagartige Alarmierung, das geschlossene und koordinierte Ausrücken und der blitzschnelle Sturmangriff der Amazonenarmee erwecken bei dem faszinierten Beobachter den Eindruck von militärischer Präzision."
Ablauf der Raubzüge:
1. In den Nachmittagsstunden an warmen Sommertagen rücken vereinzelte Pfadfinder, "scouts", aus um ein geeignetes Wirtsnest zu erkunden. Ihr Weg entspricht etwa einer furagierenden "normalen" Ameise und kann bis über 85 m weit zum Ziel führen. Wird ein Zielnest entdeckt, läuft die Ameise auffallend schnell auf dem kürzesten (daher etwa geraden) Weg zur ihrem Heimatnest. Ob sie sich dabei nur od. vorwiegend nach dem polarisierten Himmelslicht orientiert oder (auch) ein länger anhaftendes Spurpheromon absetzt, ist nicht endgültig geklärt. Vermutlich kommen beide Orientierungssysteme zum Einsatz, daneben dienen auch Landmarken zur Orientierung.
2. Wenn der Pfadfinder das Heimatnest erreicht hat, wird oft sofort "Alarm" gegeben und es folgt die Massenrekrutierung der Amazonen. Des öfteren kann beobachtet werden, dass die auserwählte Route vor der Rekrutierung noch von anderen scouts gelaufen wird, die in unterschiedlichen Zeitabständen ebenfalls mit hoher Geschwindigkeit auf der entsprechenden Route zurückkehren; dann erst erfolgt die Alarmierung.
3. Im Zuge der Massenrekrutierung strömen die Amazonen - es kann sich um bis zu max. 2000 "Soldaten" handeln - an die Oberfläche und beginnen oft über einen m² verteilt wild umher zu laufen. In diesem Verhalten kann der Beobachter keinen rechten Sinn erkennen, viell. kann man dies als "Aufwärmphase" deuten. Zwischendurch bleiben die Amazonen in eigenartigen Verrenkungen immer wieder kurz stehen um mit den Tarsen der Hinterbeine über die Austrittsregion der Pygidialdrüse zu streichen (SEIFERT S. 331).
3. Plötzlich (sicher durch ein Alarmpheromon) einigen sich die aus allen Richtungen herbeistömenden Amazonen zu einer mehr od. weniger geordneten Kolonne, die rasch auf einer ziemlich geraden Linie Richtung Zielnest marschiert. Dabei kann sie zwischendurch auch zum Stocken kommen, dann schwärmen die an der Kolonnenspitze marschierenden Individuen aus, um die offenbar verlorene Spur wieder zu finden. Dieses immer wieder zu beobachtende Phänomen spricht eher gegen eine bloße Orientierung nach dem polarisierten Himmelslicht.
4. Unmittelbar vor den Eingängen zum Zielnest hält sich die Kolonnenspitze kurz zurück, um anschließend mit den folgenden Kollegen pulkartig in das Nest der Wirtsameisen einzudringen. Im Nestinneren wird ein Propagandapheromon freigesetzt, welches die Widerstandskraft der Verteidiger herabsetzt und diese oft vorübergehend orientierungslos werden lässt. Nun erfolgt der Raub der Brut, vorrangig von Arbeiterinnen-Puppen (manchmal auch Larven, selten frisch geschlüpfte Adulte) und der Rückmarsch beginnt ziemlich genau auf dem Anmarschweg. Wirtsameisen kleiner Nester wehren sich in der Regel nicht und bleiben völlig ungeschoren. Volksstarke Nester (vor allem v. F. rufibarbis) können nach Überwindung des ersten Schocks oft erbitterten Widerstand leisten.
5. Die Brut wird ins Heimatnest transportiert und dort vorwiegend zu neuen Hilfsameisen (Sklaven) aufgezogen. Damit wird der Bestand des Polyergus-Nestes gesichert!
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Die ersten Amazonen erscheinen vor dem Nesteingang
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Meist marschiert die Kolonne geschlossener
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Ein vergrößerter Ausschnitt der Marschkolonne
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Die Überraschung beim Wirtsnest ist geglückt; jeder Angreifer will die erste im Nest sein!
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Die ersten Amazonen erscheinen mit der Beute, auch erste Verteidiger sind zu sehen (F. rufibarbis)
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Um die Beute wird gestritten
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Zahlreiche Nestbewohner flüchten auf die umliegenden Halme und Blätter
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Sogar die Nestkönigin ist geflüchtet und wird von Getreuen bewacht
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Blick in das chaotische Nestinnere eines F. fusca-Nestes während des Überfalls
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Mit Beute beladene Amazonen kehren in ihr Nest zurück
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Samstag 21. Juni 2014, 11:50

Hier habe ich noch ein Foto gefunden, das die eigenartige Verrenkung der Amazonen vor allem vor dem Abmarsch in der "Aufwärmphase" zeigt, hier findet das Bürsten der Pygidialdrüse sogar während des Marsches anlässlich eines kurzen Innehaltens statt. 3 Individuen sind zu erkennen, sie sind mit gelben Linien gekennzeichnet! Die Pygidialdrüse mündet im Afterbereich von Insekten und enthält meist Wehrsekrete. Hier könnten sie auch als Spursekret ihre Wirkung haben und dem Zusammenhalt der marschierenden Truppe dienen (vgl. SEIFERT S. 331)
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Donnerstag 10. Juli 2014, 13:20

Das Schwärmen einer seltenen Art
Die ♀♀♂♂ schwärmen M7 - A9 an heißen Tagen zw. 12:00 und 13:00 (Normalzeit) bei 29 - 33°C (SEIFERT S. 331). Eigene Recherchen zum Schwarmverhalten der Art gibt es in einer nicht veröffentlichten Publikation, die derzeit zur kritischen Durchsicht beim Reviewer liegt.
Die Schwarmzeit ist infolge der sehr hohen Temperaturansprüche der Art stark von der Witterung abhängig und kann sich über 1 - 2 Wochen hinziehen, wenn die Wetterverhältnisse nicht immer passen. Die Beobachtungen des Schwärmens über 2 Jahre (2012, 2013) führten zu folgenden Ergebnissen:
1. Schwarmzeit: 2012 Schwärmen v. 18.7 bis 2.8 eher am unteren Temperaturlimit. 2013: 2.8 - 18.8 durchwegs am oberen Temperaturlimit
2. Tageszeit: 2012: 12:00 bis 13:30 (Normalzeit), 2013: 13:15 - 14:45, also um etwa eine Stunde zeitversetzt, vermutlich als Folge der Hitzewelle.
3. Temperaturfenster: Auslösetemp. bei durchgehender Besonnung d. Neststandortes 25,8°C (nur 2012), oberes Temperaturlimit: 35,6°C, dabei nur Austreten einzelner ♀♀♂♂ und sofortiges Abfliegen. Die Temperaturmessungen erfolgten nach dem üblichen Standard im nächstgelegenen Schatten in 2 m Höhe. Die Messungen in Bodennähe bei künstlicher Abschirmung des geeichten Thermometers (20 cm über Grund) brachten durchschnittlich um 4° bis 5° höhere Werte, also Annäherung an die 40°C (!!). Eine künstliche Abdeckung der Insolation hatte am unteren Temperaturlimit 2012 eine Einstellung des Schwärmens zur Folge, auf eine künstliche Abschirmung der Besonnung bei 35°folgte in wenigen Sekunden ein starkes Schwärmen und rege Furagiertätigkeit der Hilfsameisen; bei Entfernung der Abschirmung wurde die Außenaktivität aller Nestbewohner rasch eingestellt und es erfolgte wieder das vereinzelte Erscheinen und sofortige Abfliegen der ♀♀♂♂. Daraus folgt, dass man von einem "geregelten" Schwärmen nur innerhalb der Temperaturangaben aus der Literatur sprechen kann.
4. Luftfeuchtigkeit, Wind: die rel. LF und die Windverhältnisse schienen keine besondere Rolle zu spielen. 2012 hatte es eine rel. LF meist zw. 50 und 60% und geringe Windgeschwindigkeiten, 2013 oft böigen Föhnwind und rel. LF um 30%,der Minimalwert lag bei 19% (!).
5. Schwarmstrategien: Vermutlich in Anpassung an die sehr verstreuten Vorkommen der Art wurden bei P. rufescens 3 Schwarmvarianten lt. Literatur festgestellt:
a) Abfliegen der ♀♀♂♂ vom Nest und Paarung in der Luft od. auf fester Unterlage
b) ♀♀ klettern in Nestnähe auf exponierte Stellen u. geben aus der Mandibulardrüse ein Sexualpheromon ab, welches ♂♂ rasch anlockt.
c) Alate ♀♀ begleiten die Raubzüge der eigenen Amazonen, bleiben zwischendurch kurz stehen u. geben wie in Punkt b. beschrieben einen Sexuallockstoff ab, der ♂♂ anlockt.

Bemerkungen: Im Untersuchungsgebiet konnte nur das Abfliegen aller ♀♀♂♂ festgestellt werden (a). Punkt b konnte nicht direkt beobachtet werden, die Begleitung der Raubzüge durch alate ♀♀ wurde trotz der Beobachtung v. ca. 40 Raubzügen wd. der Beobachtungsphase nur in 2 Fällen festgestellt. Inzestuöses Verhalten konnte bei Geschwistern unterschiedlichen Geschlechts nie beobachtet werden. In Laborversuchen wurde aber auch Inzucht beobachtet.
Interessant ist das Verhalten der Hilfsameisen: Nur sie bewachen die schwärmenden ♀♀♂♂. Immer wieder versuchten einzelne Hilfsameisen die ♀♀ am Abfliegen zu hindern (!). Das Verhalten ist eher ungewöhnlich, könnte aber in einer anderen artspezifischen genetischen Programmierung liegen: Serviformica (in diesen Fällen F. cunicularia u. F. rufibarbis) schwärmen zu einer ganz anderen Tageszeit und bei anderen Temperaturen (häufig am Morgen, Vormittag, schon bei knapp 20°C)
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Eine Hilfsameise klettert mit den Gynen auf die Gräser und versucht verzweifelt das Abfliegen der Jungkönigin zu verhindern
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Die Kleine lässt nicht locker, hoffentlich reißt sie der Gyne nicht einen Flügel aus!
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Die Gynen haben im Gegensatz zu den Männchen oft Startschwierigkeiten: Hier landet eine schöne Jungkönigin auf dem Finger des Fotografen Roman
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Achtung: Das ist kein Vollweibchen, es ist eine Intermorphe ohne Flügel (viell. unterliegt sie der trügerischen Vorstellung Flügel zu besitzen).
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Männchen treten oft scharenweise in Erscheinung, sie wirken ungemein nervös und "zappelig", sie alle haben nur ein verlockendes Ziel.........
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Freitag 18. Juli 2014, 22:08

Das Schwärmen von Polyergus läuft ja schon einige Zeit. Bereits am 5. Juli hatte ich bei einem Nest eine dealate Gyne in der Nachhut eines Raubzuges gesehen (viewtopic.php?f=46&t=78&start=40). Das ist ein sehr früher Vorschwärmbeginn, in der Regel beginnt die Art bei uns ab Mitte Juli mit dem Schwärmen, das entspricht auch den Angaben von SEIFERT (S. 331). Inzwischen entsprach die Witterung durch viele Tage nicht den hohen Temperaturansprüchen für das Schwärmen (mindestens 26°, besser gegen 30°C). Heute habe ich wieder Kontrollgänge bei meinen 4 Nestern gemacht, nur bei einem konnte ich ein dealates Vollweibchen und eine Intermorphe entdecken. Die weiblichen Geschlechtstiere kehren oft nach dem Schwärmen zu ihrem eigenen Nest zurück, verstecken sich dann in Nestnähe und warten auf den nächsten Raubzug ihrer Geschwister um diesen zu begleiten und nach einem Überfall in ein Nest mit demoralisierten Hilfsameisen einzudringen und die dortige Königin zu töten. Das ist die risikoärmste Methode für die Jungköniginnen ein neues Nest zu gründen.
Auffallend erscheint, dass die zuerst zerstreut versteckten, begatteten Gynen immer etwa 15-30 Minuten vor dem Raubzug plötzlich auftauchen und manchmal bereits eine "vorgezeichnete" Angriffsroute vorauslaufen. Dieses Verhalten spricht gegen die Theorie, dass sich Polyergus anlässlich der Raubzüge ganz vorwiegend nach dem polarisierten Himmelslicht und weniger (nicht?) nach ausgebrachten Spursubstanzen der Scouts richtet . Man kann fast die "Uhr danach stellen": Tauchen die ersten dealaten Gynen aus dem Nichts plötzlich auf, wird bald ein Raubzug stattfinden. Diese zeitliche Abstimmung kann nur über pheromonelle Duftmarkierungen oder Alarmsubstanzen ausgelöst werden.
Während die begatteten Gynen höllisch aufpassen müssen, dass sie nicht von Nestbewohnern (auch Hilfsameisen) gestellt werden, bleiben die Intermorphen nach meinen Beobachtungen unbehelligt, da sie nicht (nie?) begattet sind und daher keine Konkurrenz für die "amtierende" Königin darstellen.
Warum die Intermorphen dann oft ähnliche Verhaltensweisen zeigen wie die Vollweibchen, bleibt bis jetzt ein Rätsel. Auch sie tauchen vor den Raubzügen auf der Nestoberfläche (aus dem Nest kommend) auf und begleiten in einigen Fällen auch die Raubzüge.
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Eine Intermorphe "schaukelte" über 10 Min. auf einem Grashalm über ihrem eigenen Nest
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Schön ist der ungewöhnlich dicke Petiolus der Art zu sehen, auch der arbeiterinnenähnliche Thorax (großes Pronotum, schmächtiges Mesonotum)
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Freitag 12. September 2014, 10:11

Da habe ich bisher vergessen eine Tatsache zu erwähnen, die vor allem unsere Amazonen-Fans interessieren dürfte:
Neben der an sich schon ungewöhnlichen Biologie der Art gibt es noch 2 "Baustellen", Erscheinungen/Verhaltensweisen die zusätzlich für Rätselraten sorgen:

1. Das Auftreten v. Intermorphen/Ergatomorphen bei Polyergus spp. (auch in Asien u. Nordamerika) ist bekannt, ob hierdurch ein adaptiver Wert für die Art entstehen kann, ist bisher nicht geklärt.
2. Männchen werden ganz vorwiegend (od. ausschließlich?) von Arbeiterinnen produziert. Diese Tatsache ist jedenfalls ebenso ungewöhnlich, aber durch eine Studie nahmhafter Experten belegt: BRUNNER, E., TRINDL, A., FALK, K. H., HEINZE, J. & D´ETTORRE, P. (2005): Reproductive conflict in social Insects: Male production by workers in a slave-making ant. – Evolution 59 (11): 2480-2482.

Es dürfte nicht viele Arten geben, auf welche diese Eigenschaft zutrifft! Dass Intermorphe Eier legen, ist nicht ungewöhnlich, mir ist einmal ein Schnappschuss einer Intermorphen gelungen, wobei sie gerade spontan ein Ei auf der Nestoberfläche ablegt. Arbeiterinnen in weisellosen Nestern können physogastrisch werden und ebenfalls unbefruchtete Eier legen, aus denen nur Männchen entstehen.
Dass aber Arbeiterinnen bei Vorhandensein einer reproduktiven Königin gleichsam generell für die Produktion v. Männchen "zuständig" sind, erscheint mir doch seltsam. Ob hier in irgend einer Form ein Fitnessvorteil für die Art entsteht, ist offensichtlich nicht bekannt. Darüber könnte man rätseln.....
L.G.
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Hoffer » Freitag 12. September 2014, 14:19

Das ist mir komlett neu! Sehr interessant... Normalerweise werden Eier von Arbeiterinnen gefressen und die Arbeiterin wird einem "Umerziehungsprogram" unterzogen oder sogar getötet...?!

LG Andreas.
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Samstag 20. September 2014, 19:02

Wie so oft mit dem Hund unterwegs, diesmal auch mit Sohn Roman, der mir mit seiner Kamera aushilft; meine ist derzeit nicht optimal einsatzfähig!
Und man hält natürlich die Augen nach Ameisen offen: Dabei lässt es sich kaum vermeiden, dass ich meine Polyergusnester routinemäßig überprüfe! Und was entdeckt der Sohn da? Ein einzelnes Männchen turnt auf den Grashalmen über dem Nest herum! Die Zeit des Schwärmens ist seit einem Monat vorbei, aber die Tageszeit für das Schwärmen würde stimmen: 21.09, 15:00 (14:00 Normalzeit), bewölkt und 25°C. Jedenfalls sehr ungewöhnlich!
Eine längere Beobachtung hat gezeigt, dass dieses Männchen offensichtlich flugunfähig ist. Damit wird klar: Es konnte anlässlich der normalen Schwärmzeit nicht abfliegen und ist im Nest verblieben; jetzt wollte das arme Insekt einen letzten Startversuch wagen. Die Anstrengung war wohl umsonst.......
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Die Flügel scheinen in Ordnung zu sein..
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Ob das was wird?
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Der hintere linke Flügel dürfte verkürzt sein
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Mittwoch 25. März 2015, 20:26

Ich möchte hier noch einmal an meinen Artikel vom 12. Sept. 2014 anschließen. In Publikationen von Heinze & TSUJI (1995) Heinze et al.(1999) wird die Hypthese vertreten, dass die Intermorphen Individuen sein könnten, die unbefruchtete Eier als Nahrungsreserve legen, gleichsam als "large workers" dienen, wie es bei Crematogaster smithi beschrieben wurde.
Tatsächlich könnte einiges für diese Ansicht sprechen:
1. die homogen orangerote Färbung, die alle Kasten (Arbeiterinnen in weisellosen Nestern, Königinnen) annehmen, sobald sie mit der Ablage von Eiern beginnen; diese bemerkenswerte Farbveränderung könnte auch auf die Intermorphen zutreffen, indem sie urspr. "normal" gefärbt mit der Aktivierung der Eierstöcke die Färbung ändern. Ein Phänomen, dessen Beschreibung ich übrigens in der Literatur bisher vergebens suchen musste.
2. Weiter oben habe ich erwähnt, dass ich einmal die spontane Eiablage durch eine Intermorphe auf der Nestoberfläche beobachten u. auch fotografieren konnte (Bildqualität leider bescheiden).
Sofort drängt sich aber die Frage auf, warum sollen "large workers" Eier als hochwertige Proteinquelle im Juli/Aug. von sich geben, wenn die Aufzucht von (weiblichen) Geschlechtstieren längst abgeschlossen ist. Die Differenzierung Arbeiterin-Königin findet sicher in einem frühen Larvenstadium statt. Auch die Aufzucht von Arbeiterinnen wird im August eingestellt.

Eine andere Frage soll noch geklärt werden: Wie erkennt man Intermorphe?
Man erkennt sie an der Größe (die morphometrischen Daten liegen zw. Arbeiterin und Vollweibchen), an der fast immer homogen grellrot-orangen Färbung und an ausgesprochen "hektischen" Bewegungen. Diese Merkmale hat auch E. Bregant (1998) erwähnt. Man findet diese Individuen nur im Juli und August und zwar vor allem vor dem Ausmarsch der nesteigenen Amazonenarmee. Sie erscheinen plötzlich auf der Nestoberfläche, rasen einige Male über die Nestoberfläche und verschwinden genau so rasch wieder in den Nesteingängen. Sie werden weder von Hilfsameisen noch Amazonen attackiert, ein eindeutiger Beweis dafür, dass sie nicht begattet sind. In einigen Fällen halten sie sich auch längere Zeit außerhalb des Nestes auf, klettern auf Grashalme oder belaufen die offensichtlich (von Pfadfindern) markierten Routen zu potentiellen Zielnestern der Hilfsameisen. Alles in allem ein sehr widersprüchliches Verhalten.
BREGANT, E. (1998): Bemerkenswerte Ameisenfunde in Österreich. - Myrmecologische Nachrichten, 2: 1-6.
HEINZE, J. & TSUJI, K. (1995): Ant reproductive strategies - Researches on Population Ecology, 37 (2): 135-149.
HEINZE, J., FOITZIK, S., OBERSTADT, B., RÜPPELL, O. & HÖLLDOBLER, B. (1999): A female caste specialized for the Production of unfertilized eggs in the ant Crematogaster smithi.- Naturwissenschaften, 86 (2): 93-95.

2 Bilder folgen noch!

In den obigen Artikeln v. 19. Juni (Abb .4), 10. Juli (Abb. 4) und 18. Juli (Abb. 1, 2) sieht man, wie die Intermorphen in der Regel gefärbt sind: homogen grell-rotorange, nur die Scapi und Beine sind braun. Jetzt hab ich noch 2 Fotos, auf welchen die Intermorphe möglicherweise in einem früheren Stadium zu sehen ist, nämlich in einer den Vollweibchen (vor der Reproduktion) ähnlichen Färbung: Das Mesosoma ist dorsal etwas dunkler, an den Seiten deutlich dunkler gefärbt.
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Merkur » Donnerstag 26. März 2015, 11:49

Ich möchte hier noch einmal an meinen Artikel vom 12. Sept. 2014 anschließen. In Publikationen von Heinze & TSUJI (1995) Heinze et al.(1999) wird die Hypthese vertreten, dass die Intermorphen Individuen sein könnten, die unbefruchtete Eier als Nahrungsreserve legen, gleichsam als "large workers" dienen, wie es bei Crematogaster smithi beschrieben wurde.
Etwas Zweifel habe ich an dieser Hypothese!
So weit ich weiß, sind die "Intermorphen" bei Polyergus doch nur sehr vereinzelt anzutreffen. Selbst habe ich mal zwei in einem Nest gefunden (das war ca. 1965 bei Würzburg). Gibt es Zahlenangaben?
Allerdings geben auch Heinze et al. (1995) an, dass in nur 23 von 42 ausgezählten Völkern von C. smithi (mit im Mittel 272 Arbeiterinnen) solche „large workers“ gefunden wurden, in Anzahlen von 1-10 (im Mittel 2.5) Individuen.

MfG,
Merkur
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Donnerstag 26. März 2015, 17:20

Ja, Zahlen gibt es leider nicht, hier liegt im Nachhinein betrachtet ein Versäumnis meinerseits vor. Man darf aber nicht vergessen, dass man Intermorphe nicht bei einem zufälligen Nestfund von Polyergus oder bei einem tageszeitlich nicht optimalen mehrmaligen Besuch eines Nestes pro Saison entdecken wird. Ich würde sagen, dass die Chance Intermorphe bei Polyergus-Nestern anzutreffen unter folgenden Voraussetzungen relativ groß ist:
1. Es muss sich um ein mehrjähriges Nest handeln, in welchem eine größere Zahl an Geschlechtstieren aufgezogen wird.
2. Die jahreszeitliche Spanne sollte am besten von Mitte Juli bis Mitte August reichen.
3. Es gibt ein relativ kleines tageszeitliches Fenster, etwa von 15:00 bis 18.00
4. Die Witterungsverhältnisse sollten für einen Raubzug der Amazonen ideal sein (sonnig, über 25°C, trocken).
5. Ganz wichtig: Man muss sich viel Zeit nehmen, da kann es durchaus sein, dass man 2 Stunden vor dem Nest sitzen muss; die Zwischenformen erscheinen vorwiegend nur kurzfristig außerhalb des Nestes. Ich gehe selbstverständlich davon aus, dass niemand mit Krampen und Schaufel anrückt, um zu einem schnellen "Ergebnis" zu kommen!!

Und da sind wir schon beim Faktor "Zeit". Nur wenige Forscher betreiben heute noch intensive Feldarbeit und wer bezahlt diese?

Sicher scheint, dass die Intermorphen über eine sehr konstante Morphologie verfügen (WASMANN 1895). Wasmann, Stitz und Forel beschäftigten sich bereits mit diesen Zwischenformen und stuften sie als reproduktionsfähige "Ersatzköniginnen" ein, nur EMERY (1904) drückte diesbezüglich seine Zweifel aus, nachdem Wasmann vergleblich Nestgründungen mit Intermorphen versuchte. [Nestgründungen mit Intermorphen bei Serviformica spp. funktionieren übrigens tadellos, aber bisher wurden eben nur Männchen erzeugt]. Nach meinem Wissen kommen diese Intermorphen auch bei asiatischen und amerikanischen Arten der Gattung vor. Insgesamt also sicher keine biologischen "Betriebsunfälle".
Für STITZ (1939) sind Intermorphe bei Polyergus "charakteristisch", er und auch KUTTER (1977) haben bei der Befassung mit Polyergus rufescens jeweils entsprechende Zeichnungen dieser Morphen jenen der anderen Kasten hinzugefügt.
L.G.
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Freitag 27. März 2015, 17:19

Zu dem geposteten, interessanten Artikel betr. Buschinger, A. et al. (2002) [http://www.ameisenportal.eu/viewtopic.php?f=11&t=920&sid=466c50058b922ad29e75d65501f6249d] drängt sich ein kurzer Vergleich mit den Intermorphen bei Polyergus sp. auf, wenn man von der Hypothese ausgeht, dass es sich bei diesen Morphen um eierlegende Individuen handeln kann, die (vorübergehend) Nahrungsreserven liefern.

Anlässlich der Sektion von Intermorphen von Polyergus samurai, wurde festgestellt, dass bei der Zahl der Ovariolen in einem Ovarium kein wesentlicher Unterschied zw. Intermorphen und Gynomorphen besteht und dass - im Gegensatz zu Crematogaster sp. - auch ein gut entwickeltes Receptaculum seminis vorhanden ist. Wenn man davon ausgehen darf, dass die Verhältnisse bei P. rufescens gleich liegen, ergibt sich, dass die Intermorphen theoretisch voll funktionsfähige Königinnen darstellen, die weiblichen Nachwuchs produzieren können. [http://www.antwiki.org/wiki/images/8/88/Hasegawa_E_1993.pdf]. Diese Erkenntnis kompliziert die Lage, weil niemand weiß, warum Intermorphe bei Polyergus nicht begattet werden. Zaayer konnte feststellen, dass Intermorphe in Laborhaltung nicht begattet werden [ZAAYER, P. M. (1967): Paarung und Koloniegründung von Polyergus rufescens im Kunstnest - Zeitschrift d. AG österr. Entomologen, 19: 1-9]
Ein weiteres Problem habe ich schon oben angesprochen:
Die Intermorphen tauchen nach bisherigem Wissensstand etwa gleichzeitig mit der Schwarmperiode der "normalen" Geschlechtstiere auf und "verschwinden" dann wieder. Hochwertiges Eiweiß, das etwa zum Heranfüttern weiblicher Jung-Larven zu Gynen zu gebrauchen wäre, wird zu diesem Zeitpunkt nicht benötigt.
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Freitag 27. März 2015, 17:19

Zu dem geposteten, interessanten Artikel betr. Buschinger, A. et al. (2002) viewtopic.php?f=11&t=920 drängt sich ein kurzer Vergleich mit den Intermorphen bei Polyergus sp. auf, wenn man von der Hypothese ausgeht, dass es sich bei diesen Morphen um eierlegende Individuen handeln kann, die (vorübergehend) Nahrungsreserven liefern.

Anlässlich der Sektion von Intermorphen von Polyergus samurai, wurde festgestellt, dass bei der Zahl der Ovariolen in einem Ovarium kein wesentlicher Unterschied zw. Intermorphen und Gynomorphen besteht und dass - im Gegensatz zu Crematogaster sp. - auch ein gut entwickeltes Receptaculum seminis vorhanden ist. Wenn man davon ausgehen darf, dass die Verhältnisse bei P. rufescens gleich liegen, ergibt sich, dass die Intermorphen theoretisch voll funktionsfähige Königinnen darstellen, die weiblichen Nachwuchs produzieren können. http://www.antwiki.org/wiki/images/8/88 ... E_1993.pdf . Diese Erkenntnis kompliziert die Lage, weil niemand weiß, warum Intermorphe bei Polyergus nicht begattet werden. Zaayer konnte feststellen, dass Intermorphe in Laborhaltung nicht begattet werden [ZAAYER, P. M. (1967): Paarung und Koloniegründung von Polyergus rufescens im Kunstnest - Zeitschrift d. AG österr. Entomologen, 19: 1-9]
Ein weiteres Problem habe ich schon oben angesprochen:
Die Intermorphen tauchen nach bisherigem Wissensstand etwa gleichzeitig mit der Schwarmperiode der "normalen" Geschlechtstiere auf und "verschwinden" dann wieder. Hochwertiges Eiweiß, das etwa zum Heranfüttern weiblicher Jung-Larven zu Gynen zu gebrauchen wäre, wird zu diesem Zeitpunkt nicht benötigt.
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Re: Bilder/Videos des Tages

Beitragvon Radiergummi » Samstag 18. Juli 2015, 19:42

Diesen Beitrag, sowie die folgenden drei habe ich aus "Bilder des Tages" und der Diskussion dazu hierher verschoben, damit sie dort kein verstecktes Dasein fristen und bei entsprechender Suche auch gefunden werden. LG Reber.

Hier ein passendes Video http://sendvid.com/khz5qg3u zu folgendem Beitrag (http://ameisenportal.eu/viewtopic.php?f ... t=20#p8212)

Insgesamt konnte ich drei Gynen zählen; diese laufen übrigens nicht unbedingt am Ende der Kolonne mit, sondern befinden sich auch inmitten des Zuges oder an vorderer Spitze. Beim Raubzug kommt es immer mal wieder zur Desorientierung der Amazonen. Es kommt zu einer Ansammlung der Amazonen in der sich die Gynen ebenso befinden können.

Und hier noch ein Video: Gyne gegen Amazone: unentschieden !
http://sendvid.com/19y8rkuh

Ausschnitt des Raubzugs:
http://sendvid.com/sqnqmcgk

00:04 bis 00:09: Gyne läuft von ca. Mitte in Richtung 3 Uhr aus dem Bild
01:15 bis 01:26: erste Gyne läuft in der Mitte im unteren Drittel erst in Richtung 12 Uhr, dann Richtung 3 Uhr aus dem Bild;
ca. 01:20 – 01:31: zweite Gyne läuft von 12 Uhr ins Bild (bei 01:27 in der Mitte), dann wieder Richtung 12 Uhr aus dem Bild
01:45 – 01:49: Gyne läuft von ca. Mitte 12 Uhr in Richtung 4:30 Uhr
02:18 bis Ende: Gyne läuft von Rechts ins Bild

p.s. die Videos haben leider beim Upload etwas an Qualität eingebüsst
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Re: Diskussion zu Bilder/Videos des Tages

Beitragvon Boro » Sonntag 19. Juli 2015, 09:15

Hallo Radiergummi!
Gratuliere zu deiner (seltenen) Beobachtung und den tollen Videos!
1. Dazu gleich eine Frage: Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich deine Videos (beginnend mit diesem: http://sendvid.com/khz5qg3u) mit meinem Texten verlinke (Durchführung nach deinem Ok). Ich gehe davon aus, dass du der Urheber der Videos bist.
2. Dann würde ich dich um genaue Angaben zu deiner Beobachtung bitten: Datum dürfte klar sein, Uhrzeit, Ort und Habitat. Ich kenne die Art eher als "Kulturflüchter", nur von Wien ist mir bekannt, dass sie in den Vororten und sogar in städtischen Parkanlagen vorkommt. Die Angaben sollten aber nicht zu genau sein, es gibt leider immer wieder böse Menschen.....
3. Zum Inhalt der Filme: Deine Beobachtung ist richtig, hin und wieder werden die mitlaufenden (offenbar) begatteten Gynen wenig beachtet, ich gewinne den Eindruck, dass die Aggression der sehr oft eigenen Schwestern im Nestbereich am heftigsten ist und zu einem regelrechten Alarm unter den Amazonen(arbeiterinnen) und Hilfsameisen führt und häufig mit der Tötung der jungen Gyne endet (viewtopic.php?f=46&t=705), mit größerer Entfernung vom eigenen Nest nimmt die Aggressivität gegen die mitlaufenden Gynen ab. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass die Polyergus-Nestbewohner(innen) begattete Gynen auf der Nestoberfläche als unmittelbare Bedrohung für die eigene (monogyn lebende) Königin ansehen, das ist auch deswegen interessant, weil Serviformica (vor allem F. fusca und F. cunicularia) keineswegs Monogynie "vorleben". Hier lassen sich die Hilfsameisen offensichtlich von den strikt monogyn lebenden Amazonen vor deren Karren spannen.
Eine mitlaufende Gyne parasitiert dann mit wenig Aufwand das überfallende Nest der Wirtsameisen, deren Bewohner sich noch in einem heillosen Durcheinander befinden. Auch da kann man kaum Aggression der letzten, verbleibenden Amazonen gegen die Gyne feststellen; allerdings betritt diese erst dann dauerhaft das Wirtsnest, wenn die letzten Amazonen verschwunden sind.
Wenn die Gyne dann erfolgreich ein Nest gründet, befindet sich dieses aber in der "Todeszone" des ursprünglichen Amazonen-Nestes: Die Lebensdauer dieses Nestes kann je nach Entfernung vom Stammnest ein paar Tage, Wochen oder mit viel Glück wenige Jahre anhalten. Entdecken scouts ein fremdes Nest der eigenen Art, erfolgt ein Feldzug, der weniger dem Raub der notwendigen Arbeiterinnenpuppen gilt als vielmehr der Vernichtung des Konkurrenten.
L.G.
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Re: Diskussion zu Bilder/Videos des Tages

Beitragvon Radiergummi » Sonntag 19. Juli 2015, 11:45

Hallo Boro,

Du kannst die Dateien gerne verlinken oder einzelne Frames (z.B. siehe Unten) herausnehmen.
Aufnahme Datum: 18.07.2015
Zeit: 18:49- Uhr (Raubzug begann früher um ca. 18:00 - 18:30 Uhr)
Ort: Wien, Bezirk Simmering
Habitat: Grünstreifen, Rad-/Gehweg neben Strasse

Für Wien würde ich diese Beobachtung nicht als Seltenheit einstufen; "böse" Menschen brauchen nur zur rechten Zeit auf die Wege schauen.

Gyne_Raubzug_(1).jpg
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Re: Diskussion zu Bilder/Videos des Tages

Beitragvon Boro » Sonntag 19. Juli 2015, 15:25

Gute Idee Reber, du machst das sicher besser als ich!
Mit "Wien" hab ich ins "Schwarze" getroffen, aus dem Profil von Radiergummi konnte ich den Wohnort nicht erkennen! Im Pannonikum scheinen die Bestände der Art noch einigermaßen gesichert zu sein, während im Rest Mitteleuropas die Art in den Kategorien "gefährdet" od. "stark gefährdet" auftaucht: H.C.WAGNER hat sie in Kärnten unter EN = endangered (stark gefährdet) neu eingestuft (Die Ameisen Kärntens 2014), das gleiche gilt für die Steiermark (eigene Beobachtungen und Erhebungen). In einigen öst. Bundesländern fehlt die Art vermutlich [Vorarlberg, Salzburg, Oberösterreich = keine rezenten Funde (?): AMBACH, J. (2009):Kommentierte Checkliste der Ameisen Oberösterreichs mit einer Einstufung ihrer Gefährdung]; für Wien wird sie erwähnt [STEINER et al.(2003): Neues zur Kenntnis der Ameisen Wiens], ebenso für Niederösterreich [SCHLICK-STEINER et al: Rote Listen ausgewählter Tiergruppen Niederösterreichs, Ameisen (2002)]. Im Burgenland kommt sie sicher vor, es fehlt aber eine landesweite Übersicht. Soweit ich informiert bin, sieht es in D nicht besser aus, im N dürfte sie weitgehend fehlen.
Das Gute an dem Video ist die seltene Möglichkeit, die Bewegungsmuster der Amazonen auf einer glatten Oberfläche zu beobachten, sonst läuft der Vormarsch meist auf stark strukturierten Obeflächen od. bei dichterem Bodenbewuchs ab.
L.G.
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Hoffer » Dienstag 21. Juli 2015, 16:53

Hallo Zusammen!

Wien scheint wirklich ein "Hotspot" für Amazonen zu sein... Vor allem entlang der Donau und auf der Donauinsel treffe ich beim Radfahren immer wieder auf Armeen der Amazonen, wenn sie die Radwege kreuzen. Aber auch im direkten Stadtgebiet bin ich schon auf sie gestoßen - im Spielgarten vom zukünftigen Kindergarten meines Sohnes ;-)
Burgenland kann ich hiermit bestätigen, ich stamme aus dem Bezirk Güssing (Südburgenland) und kenne den Standort von zumindest einem Nest, bin mir aber sicher, dass es noch mehr gibt.

LG Andreas.
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Donnerstag 26. November 2015, 12:00

Bei der Bestimmung von Männchen gibt es einige Probleme. Außer dem "guten alten Kutter" kenne ich keine Bestimmungsliteratur für heimische Ameisen, die sich mit Männchen befasst [KUTTER, H (1977/78): Insecta Helvetica, 6 und 6a, Hymenoptera Formicidae]. Neben dem Schlüssel findet man zahlreiche sehr gute Zeichnungen, keine Fotos. Natürlich sind diese Ausgaben veraltet, inzwischen kennt man weit mehr Arten und die Nomenklatur hat sich in vielen Fällen geändert. Manchmal kann das AntWeb mit größtenteils sehr guten Makroaufnahmen helfen, aber auch hier fehlen oft Bilder von Männchen. Diese führen ein "Schattendasein", sind weitgehend "unwichtig", leben relativ kurz und sterben nach der Begattung. Andererseits sind Männchen oft von Bedeutung, an nächtlichen Leuchtfallen findet man meist nur Geschlechtstiere, oft vorwiegend oder nur Männchen. In Österreich gibt es jedenfalls mehr als eine Art, die bis heute nur über Geschlechtstiere erfasst ist, man hat noch nie ein Nest der Art mit Arbeiterinnen gefunden. Da Männchen nur eine kurze Lebensdauer haben und oft schwer einer Gattung bzw. Art zuzuordnen sind, ist die Bestimmung in vielen Fällen wegen der fehlenden Literatur sehr schwierig oder fast unmöglich. Ich frage mich noch heute, wie KUTTER das geschafft hat, eine extrem zeitaufwendige Suche nach Geschlechtstieren in den Nestern verschiedener Arten dürfte wohl Voraussetzung gewesen sein. Aber wer hat schon Nester aller in Mitteleuropa vorkommenden Arten wirklich gesehen?
So ist es mir zuletzt gegangen. Der präparierte Beleg eines unbekannten Männchens von einem Mitglied des Naturwiss. Vereines mit Funddatum und Fundort. Erst der Blick auf die Mandibeln hat die "Erleuchtung" gebracht: Polyergus rufescens, ein Männchen, das ich in der Natur schon 100 Mal gesehen habe, aber unter dem Bino ist es dann wieder anders. Noch dazu meine spezielle "Lieblingsart", mit der ich mich jetzt schon 17 Jahre beschäftige.
Bei KUTTER gibt es eine Zeichnung, im AntWeb fehlt das Männchen, aber bei Polyergus breviceps aus Nordamerika - gleichsam als Bestätigung - wurde dann Sohn Roman fündig. Die Fotos hat er gemacht! Ja, der Fall ist eindeutig!
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Dateianhänge
IMG_8247.JPG
Der ventrale Thorax ist auffallend mächtig ausgebildet
IMG_8255.JPG
Kurze Scapi, schnurartige Fühlergeißel, schmächtige Gaster im Vergleich zu den verwandten Serviformica spp.
IMG_8262.JPG
Die auffallenden Mandibeln; wie üblich große, vorstehende Augen, Ocellen, die Stirnrinne in einer begrenzenden, wulstförmigen Aufwölbung.
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Merkur » Donnerstag 26. November 2015, 12:46

Im guten alten Stitz (1939), S. 369, sind Kopf, Fühler und Mandibeln auch von Polyergus-Männchen abgebildet. Zwar „nur“ als Zeichnungen, aber als Vergleich hat er auch die Arb.-Mandibel dargestellt, sogar MIT den winzigen Zähnchen!
Die Fühler lassen sich auch bei „Ersie“, dem Halbseitenzwitter von P. rufescens, vergleichen:
viewtopic.php?f=16&t=473
MfG,
Merkur
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Suum cuique
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