Vogelfütterung in der Brutzeit? - Ja!

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Vogelfütterung in der Brutzeit? - Ja!

Beitragvon Merkur » Freitag 15. Mai 2020, 13:43

Anfang dieser Woche ist bei mir eine Brut von Blaumeisen ausgeflogen. Der Nistkasten ist leer. Das freut mich besonders, weil in den letzten beiden Jahren wiederholt die Jungvögel von Blaumeise, Kohlmeise und Hausrotschwanz kurz vor dem Ausfliegen alle oder zum Teil im Nest verendet sind. Mein Verdacht war: Futtermangel, evtl. bedingt durch zu wenige Insekten!
In diesem Jahr habe ich mich entschlossen, die Winterfütterung (es gab im „Winter“ nur sehr wenige Vögel überhaupt in unserem Hausgarten) weiter zu betreiben. Bisher sieht es nach Erfolg aus.
Angeboten wird eine Wildvogel-Futtermischung in einem Futterhäuschen.

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1- Grünfinken am Futterhäuschen
Nicht alle Gäste sind bei mir beliebt.
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2-Ringeltaube
Sie gelangt nur an das zu Boden gefallene Futter. Auch Elstern und Amseln müssten nicht gefüttert werden.

An der Kiefer hinter dem Futterhäuschen habe ich zwei hängende Behälter für Futterblöcke angebracht. Es sind vom NABU empfohlene „Energieblock-Halter“, gefüllt mit je einem „Insekten-Fettblock“ (enthält getrocknete Insekten, nach den identifizierbaren Teilen wohl Bruchstücke von Mehlwürmern). Sie sind bei unseren Gartenvögeln sehr beliebt.

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3-Kohlmeise am Futterblock
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4-Blaumeise
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5-Beide Arten nutzen das Futterangebot auch gemeinsam.

Natürlich fällt Einiges vom Inhalt herab, was dann von Amseln, Ringel- und Türkentauben u.a. aufgesammelt wird, und natürlich auch von Haussperlingen. Die kleineren Vögel, einschließlich Amsel, nutzen auch das Futter im Vogelhäuschen.
Um den größeren Vögeln den Zugang zu den Futterblöcken zu erschweren, habe ich einen der Behälter an einer ca. 5o cm langen Schnur aufgehängt, etwa 1.80 m über dem Boden!
Man kann Erstaunliches beobachten: Amseln schielen vom Boden nach dem Fettblock, flattern wie Kolibris nach oben um im Flug etwas aus dem Block zu picken! Lange halten sie den Schwirrflug jedoch nicht durch. Eine Elster fliegt senkrecht hoch, hackt einen Brocken aus dem Block, und sammelt ihn am Boden auf.

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6-Haussperling am Futterblock
Haussperlinge hatten zunächst Probleme damit, dass sich der lose aufgehängte Block beim Anflug dreht und wegschwingt. Aber es hat keine zwei Tage gebraucht, bis auch sie sich daran anklammern und Futter picken können. Oft flattert so ein Sperling, am Rand des Gitters hängend, so dass sich das Ganze wie ein Karussell dreht. Oder einer ist eifrig am Picken, dann fliegt ein zweiter den Block an und setzt ihn so in Rotation, dass der erste schier weggeschleudert wird. Es ist lustig, was man da vom Wohnzimmer aus beobachten kann! ;)

Nun sind auch junge Sperlinge ausgeflogen. Und deren Fütterung durch die Eltern ist geradezu entzückend: Gerne setzen sich zwei oder drei Junge auf einen horizontalen Ast der Kiefer, betteln unter Flügelzittern, bis Papa oder Mama hinzu flattern und sie füttern!

7-Sperlinge_906.jpg
7-Junge Spatzen warten auf einem Ast auf die Fütterung
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8-Mama, Hunger!!!
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9-Ja, kriegst ja schon was!
Die Fotos, im Gegenlicht und vor dem Hintergrund einer weißen Hauswand, wirken fast wie Scherenschnitte. Die Kleinen schaffen es noch nicht, den baumelnden Futterblock anzufliegen. Also fliegt ein Altvogel im Pendelverkehr immer wieder an das Futter, pickt etwas heraus, fliegt die ca. 2m zu den Jungen, füttert, dann zurück zur Futterquelle, und wieder zu den Jungen. Setzt sich Papa auf einen anderen Zweig, flattern die Kleinen ihm nach und bearbeiten seinen Schnabel, bis er etwas abgibt. - Fast wie Kino! Und ein bisschen menschlich. ;)

Soll man Vögel im Sommer füttern? Oder werden sie dann so verwöhnt, dass sie die normale Futtersuche vergessen? - Eine für lange Zeit kontrovers diskutierte Frage. Ich kann nur Einzelbeobachtungen vorbringen. Bei unseren Kohlmeisen und den Blaumeisen konnte ich in diesem Frühjahr recht ausgiebig verfolgen, wo sie Futter sammelten, für sich selbst und für die Brut. Das „Fast Food“ wird zwar ausgiebig besucht, aber dazwischen sieht man immer wieder, wie die Vögelchen an den Kieferzweigen turnen und offenbar Blatt- oder Rindenläuse absammeln, die es da in Massen gibt. Das „natürliche“ Futter ist sichtlich weiterhin beliebt. Und so rasch wird wohl eine seit Jahrmillionen ererbte und von der Selektion belohnte Futterwahl nicht aufgegeben!
Vor allem in den letzten Tagen vor dem Ausfliegen sind die Blaumeisen unentwegt am Füttern der heranwachsenden Kleinen. Das ging oft im Minutentakt vom Nest zum Futterblock, zum Nest, ins Gezweig, zum Nest, wieder zum Futterblock, usw., siehe das Tierchen im 4. Bild, dem man den Stress der Brutaufzucht schon am strapazierten Gefieder ansehen kann!

Eine Nebenbeobachtung, die bei Ornithologen sicher bekannt ist, hat mich etwas überrascht: Während sich junge Blaumeisen, Kohlmeisen, Hausrotschwänzchen und Amseln nach Verlassen des Nestes rasch im Gelände verteilen, bleiben die Haussperlinge beisammen, suchen immer wieder gegenseitig ihre Nähe, und fliegen den Eltern nach, um aufdringlich nach Futter zu gieren, siehe obige Bilder! Das erleichtert gewiss die Versorgung der Brut durch die Altvögel, während Amseln und Rotschwänzchen, oft aufgeregt rufend und warnend umher fliegen und den verstreuten Nachwuchs mit mehr Aufwand bedienen müssen. Andererseits könnte es den Hauskatzen ihr ungutes Tun erleichtern...

MfG,
Merkur
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Re: Vogelfütterung in der Brutzeit? - Ja!

Beitragvon Erne » Samstag 16. Mai 2020, 20:51

Durch das Verschwinden alter Baumbestände sind für Vögel die Nestmöglichkeiten stark zurückgegangen.
Dem entgegen zu wirken wurden von mir entsprechende Vogelkästen als Ersatz angeboten, was einige Jahre prima lief.
In den letzten Jahren änderte sich das, immer mehr Vogelkästen blieben leer.
Wie Merkur es schreibt war es auch mein Gedanke, dass neben Nestmöglichkeiten das nötige Futter fehlt um Nachwuchs auf zu ziehen.
Seit ein paar Jahren, gibt es nach der Winterfütterung weiterhin Futter bis die bei mir im Garten vorkommenden Vögel ihren Nachwuchs aufgezogen haben.
Der Erfolg, Kohlmeisen und Blaumeisen, soweit sie sich vertragen, besiedeln meine Nistkästen und ziehen ihren Nachwuchs auf.
Die über den Winter beobachteten Feldsperlinge, in meiner Gegend leider überaus selten geworden, konnte ich nicht dazu bringen zu nisten.

Grüße Wolfgang
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Re: Vogelfütterung in der Brutzeit? - Ja!

Beitragvon Emse » Montag 18. Mai 2020, 17:13

Heute zufällig im Radio gehört, passend zum Thema:

Weil es immer weniger Insekten gibt, finden viele Vögel nicht genügend Nahrung für ihren Nachwuchs.
Das gilt offenbar auch in Städten, obwohl man vermuten könnte, dass die Tiere dort im menschlichen Abfall oder in Futterstationen genug zu fressen finden. Ein internationales Forschungsteam berichtet, dass das Körnerfutter aber den Bedarf an Insekten nicht ersetzen kann. Die Forschenden haben herausgefunden, dass zusätzliches Insektenfutter die Fortpflanzung von Kohlmeisen in Städten begünstigt. In ihrem Experiment haben sie eine Gruppe von Vögeln mit Mehlwürmern gefüttert. Deren Nachwuchs brachte 15 Prozent mehr Gewicht auf die Waage als der von einer Kontrollgruppe, die keine Mehlwürmer bekommen hatten. Das Mehr an Gewicht erhöht die Überlebenschance der Meisenküken bis zum nächsten Frühling, wenn sie dann selbst für Nachwuchs sorgen können. Die Forschenden glauben aber nicht, dass die Zufütterung auf Dauer die Lösung des Problems ist. Stattdessen müssten Städte mehr dafür tun, dass es wieder mehr Insekten gibt – zum Beispiel durch mehr verwilderte Grünflächen.

Quelle: Deutschlandfunk Nova

Also nicht nur Körnerfutter streuen, sondern auch (wie von Merkur schon beschrieben) zusätzlich Insekten anbieten. Idealerweise sogar lebend, z.B. Mehlwürmer aus dem Tierfutterhandel (oder selbst gezüchtete). Ich glaube, man wird dafür mit den tollsten Beobachtungen belohnt!

Und, für Fans der Piepmätze: Immer mehr Ornithologen empfehlen, auch im Sommer durchzufüttern! Was es dabei noch zu beachten gibt: https://www.deutschlandfunk.de/ornithol ... _id=474990
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Re: Vogelfütterung in der Brutzeit? - Ja!

Beitragvon Merkur » Montag 18. Mai 2020, 19:47

Manche Themen liegen so auf der Hand, dass man schon fast sicher wiss. Arbeiten darüber erwarten kann:
Food availability limits avian reproduction in the city: An experimental study on great tits Parus major. Gábor Seress Krisztina Sándor Karl L. Evans András Liker. J. Animal Ecol.
First published: 17 May 2020. https://doi.org/10.1111/1365-2656.13211

MfG,
Merkur
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Re: Vogelfütterung in der Brutzeit? - Ja!

Beitragvon Emse » Montag 18. Mai 2020, 23:17

Kurzer Nachtrag, zum aktuellen Blaumeisensterben. In dem Fall (des durch ein Bakterium verursachten Vogelsterbens) wird ja dringend von einer Zufütterung abgeraten. Mittlerweile scheint die Seuche aber am Abklingen zu sein: Die Lage entspannt sich / Weniger tote und kranke Blaumeisen gemeldet / https://www.nabu.de/news/2020/04/27990.html
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