Ameisenfressende Kannenpflanzen und Camponotus schmitzi

Interessante und neue Themen aus "Wissenschaft und Medien"

Ameisenfressende Kannenpflanzen und Camponotus schmitzi

Beitragvon Reber » Samstag 17. Januar 2015, 16:21

Der Spiegel berichtet über das Erfolgsrezept der fleischfressende Pflanze Nepenthes rafflesiana. Sie hat sich so entwickelt, dass sie Ameisen zu gewissen Zeiten entkommen lässt, um dann richtig zuzuschlagen:

Indem sie die Späherameisen zunächst ungeschoren davon kommen lässt, dürften ganze Völkerwanderungen an Ameisen entstehen, die zum Nektar pilgern. Regnet es dann kurz im tropischen Urwald, wird aus dem sicheren Weg über die Pflanze auf einmal eine Rutschbahn. Ganze Heerscharen von Tieren sollten dann in die Kanne fallen.


http://www.spiegel.de/wissenschaft/natu ... 12910.html

Im Artikel gibt es auch einen Hinweis auf Camponotus schmitzi die im Verdauungssaft der Kannenpflanze Nepenthes bicalcarata schwimmen kann.
Das hat für die Insekten nicht nur den Vorteil, dass sie selbst nicht von der Pflanze verdaut werden. Andere Ameisen, die in die Kanne fallen, sind nicht nur für die Pflanze ein opulentes Mahl. Auch Camponotus schmitzii hat dadurch eine sichere Nahrungsquelle.


Laut Wikipedia profitiert umgekehrt auch die Kannenpflanze von den Ameisen, die in zerstreuten Kolonien in der Pflanze leben. Die Tiere schützen das Gewächs vor speziellen Fressfeinden, wie Rüsselkäfer der Gattung Alcidodes. Im Gegenzug ernährt sich Camponotus schmitzi von Nektarausscheidungen und von Beuteinsekten, die die Ameise tauchend(!) aus der Kannenflüssigkeit herausfischt. Eine interessante Symbiose!
  • 6

Zuletzt geändert von Reber am Samstag 17. Januar 2015, 18:40, insgesamt 2-mal geändert.
Grund: Diverse Links eingefügt
„Doch vor allen Dingen:
Das worum du dich bemühst,
möge dir gelingen.“
Benutzeravatar
Reber
Moderator
 
Beiträge: 1628
Registriert: Mittwoch 9. April 2014, 15:31
Wohnort: Bern
Bewertung: 3414

Re: Ameisenfressende Kannenpflanzen und Camponotus schmitzi

Beitragvon Merkur » Samstag 17. Januar 2015, 20:13

Danke, Reber, für den Link; es ist gut, dass die Kannenpflanzen damit hier im AP ebenfalls vertreten sind!

Und man hat offenbar eine weitere Strategie entdeckt, womit Nepenthes ihre Ernährung sichert, diesmal zu Lasten von Ameisen. ;)
Vor wenigen Jahren wurde festgestellt, dass bestimmte Ameisen (Camponotus schmitzi) ihrerseits sich die Fangtätigkeit einer Nepenthes-Art zunutze machen.- Ah ja, Du hast die AWiki-Adressen ja bereits verlinkt!
Walter Federle, der ja auch hier im Spiegel als Mitwirkender an der neuen Arbeit genannt wird, hat damals in Würzburg auch die Dr.-Arbeit des Entdeckers der tauchenden C. schmitzi betreut.

MfG,
Merkur
  • 2

Bedarf wecken, Bedarf decken, Kasse machen: DAS Geschäftsmodell für den Heimtiermarkt.
Suum cuique
Benutzeravatar
Merkur
Beirat
 
Beiträge: 2929
Registriert: Sonntag 6. April 2014, 07:52
Wohnort: Reinheim
Bewertung: 8214

Re: Ameisenfressende Kannenpflanzen und Camponotus schmitzi

Beitragvon Reber » Samstag 17. Januar 2015, 21:08

Hallo Merkur,
wirklich ein interessantes Thema! In einem alten Beitrag von dir aus dem Ameisenforum berichtest du, dass es sogar eine „kleine Fledermaus gibt, die den Tag gut geschützt in den lang gestreckten Kannen von Nepenthes hemsleyana verbringt: Ihr Kot und Urin sind prächtiger Dünger, der direkt in die „Verdauungsflüssigkeit“ der Kannen gerät!“

Es handelt sich um die Hardwick-Wollfledermaus Kerivoula hardwickii

Im Standart habe ich noch mehr über Camponotus schmitzi gelesen:Pflanzen die von den Ameisen bewohnt werden, haben deutlich mehr Blattmasse als solche ohne Ameisen (was allerdings sowieso selten vorkommt). Ausserdem verbessert C. schmitzi offenbar die Nährstoffzufuhr. Die Arbeiterinnen lauern unter dem Kannenrand und sorgen dafür, dass keine Insekt aus der Falle entkommen können. Der Ameisenabfall kann besser aufgenommen werden, als die grossen Insekten, die die Ameisen teilweise verwerten. Die Arbeiterinnen entfernen zudem Schimmelpilze und Verunreinigungen von der Pflanze.

http://derstandard.at/1336697622912/Ame ... gsgeflecht

Hier gibt es Bilder von C. schmitzi: http://theantlife.com/portfolio-items/c ... s-schmitzi

Und hier kann man sie "bei der Arbeit" beobachten
  • 3

„Doch vor allen Dingen:
Das worum du dich bemühst,
möge dir gelingen.“
Benutzeravatar
Reber
Moderator
 
Beiträge: 1628
Registriert: Mittwoch 9. April 2014, 15:31
Wohnort: Bern
Bewertung: 3414

Re: Ameisenfressende Kannenpflanzen und Camponotus schmitzi

Beitragvon Reber » Montag 9. Februar 2015, 23:14

Beim Stöbern im Netz bin ich über diese älteren Bericht zu den „merkwürdigen Ernährungsgewohnheiten der fleischfressenden Kannenpflanze Nepenthes albomarginata“ gestolpert. Die Pflanze „lockt“ Termiten mit ihrem weissen Haarkranz an, den letztere abfressen, dafür aber zu Tausenden in die Kanne fallen.
Zudem geht es wieder um die Symbiose von Nepenthes bicalcarata und Camponotus schmitzi.

Desweiteren bin ich auf die von Merkur erwähnte, hochinteressante Dissertation aus dem Jahr 2007 von H. F. Bohn (Uni Würzburg) aufmerksam geworden, die in zweiten Teil die „Anpassungen der Camponotus schmitzi-Ameisen an das Leben auf Nepenthes bicalcarata“ zum Thema hat.
  • 2

„Doch vor allen Dingen:
Das worum du dich bemühst,
möge dir gelingen.“
Benutzeravatar
Reber
Moderator
 
Beiträge: 1628
Registriert: Mittwoch 9. April 2014, 15:31
Wohnort: Bern
Bewertung: 3414

Re: Ameisenfressende Kannenpflanzen und Camponotus schmitzi

Beitragvon Merkur » Dienstag 10. Februar 2015, 10:14

Allmählich entwickelt sich dieser Thread zu einem kompletten Überblick „Biologie der Kannenpflanzen“. ;) Vielen Dank, Reber!
Besonders der erste Bericht zu den „merkwürdigen Ernährungsgewohnheiten…“ gefällt mir ausnehmend gut.
Unten ist ja auch der Betreuer der Arbeit genannt, Prof. Uli Maschwitz aus Frankfurt. Seiner Gruppe verdanken wir eine Fülle von Wissen über die Ameisen der südostasiatischen Tropenwälder.

MfG,
Merkur
  • 0

Bedarf wecken, Bedarf decken, Kasse machen: DAS Geschäftsmodell für den Heimtiermarkt.
Suum cuique
Benutzeravatar
Merkur
Beirat
 
Beiträge: 2929
Registriert: Sonntag 6. April 2014, 07:52
Wohnort: Reinheim
Bewertung: 8214

Re: Ameisenfressende Kannenpflanzen und Camponotus schmitzi

Beitragvon Trailandstreet » Dienstag 10. Februar 2015, 13:42

Sehr anschaulich finde ich auch die Skizzen der Versuchsaufbauten in der Dissertation. C schmitzi wäre sicher sehr interessant zu halten. Dummerweise ist die Pflanze geschützt.
  • 0

Benutzeravatar
Trailandstreet
Mitglied
 
Beiträge: 1151
Registriert: Mittwoch 9. April 2014, 21:02
Wohnort: Ho'mbua
Bewertung: 1654

Re: Ameisenfressende Kannenpflanzen und Camponotus schmitzi

Beitragvon Reber » Donnerstag 19. Februar 2015, 12:32

Der Vollständigkeit halber verweise ich auch noch auf diesen schön bebilderte Artikel von Ulrich Maschwitz, Georg Zizka, Brigitte Fiala und Marlis Merbach. Die Arbeit handelt von Camponotus schmitzi und der Symbiose Nepenthes bicalcarata - der „zweigezähnte Kannenpflanze“: Warum eine Baumameise das Tauchen lernte
  • 2

„Doch vor allen Dingen:
Das worum du dich bemühst,
möge dir gelingen.“
Benutzeravatar
Reber
Moderator
 
Beiträge: 1628
Registriert: Mittwoch 9. April 2014, 15:31
Wohnort: Bern
Bewertung: 3414

Re: Ameisenfressende Kannenpflanzen und Camponotus schmitzi

Beitragvon Moriquendi » Donnerstag 19. Februar 2015, 14:52

Interessante Beiträge!

Die Kannenpflanzen sind insofern tödlich, da die Kanne eine so glatte Oberfläche aufweist, auf denen die Insekten keinen Halt finden, abrutschen, in der Kannenflüssigkeit landen und dort ertrinken und anschließend von den Enzymen in der Flüssigkeit langsam zersetzt bzw. von den Ameisen verwertet werden.

Eine Frage drängt sich mir dazu auf:
Ich glaube mich zu erinnern, dass die Flüssigkeit nicht wirklich aggressiv ist, oder irre ich mich da? D.h. den Camponotus schmitzi macht diese ohnehin nichts aus, da sie sich nicht ewig in ihr aufhalten?
Daraus schließe ich, dass die einzige Anpassung, die die C. schmitzi entwickelt haben müssten, eine besondere Art ist, auf der Oberfläche der Kanne zu laufen, oder haben sie sogar anatomische Veränderungen, die ihnen das ermöglichen?

LG Mori
  • 0

per aspera ad astra
Benutzeravatar
Moriquendi
Mitglied
 
Beiträge: 60
Registriert: Sonntag 6. April 2014, 12:51
Wohnort: Aachen
Bewertung: 49

Re: Ameisenfressende Kannenpflanzen und Camponotus schmitzi

Beitragvon Reber » Donnerstag 19. Februar 2015, 17:08

Hej Moriquend!
Du wirst schon richtig liegen, in der Kannenflüssigkeit leben sogar Moskitolarven, allzu agressiv kann sie also nicht sein.

Eine Anpassung von Camponotus schmitzi ist - das entnehme ich zumindest der oben verlinkten Arbeit von Holger Florian Bohn - die Haftung der Arolien (Haftlappen). Nicht ausgeschlossen werden kann aber auch ein spezielles, also geschickteres und schnelleres Laufverhalten. Zusätzlich könnten sich die Ameisen einen Kapillareffekt zunutze machen.

Eine andere Anpassung - im Verhalten zumindest - ist das Schwimmen und Tauchen in der Kannenflüssigkeit. C. schmitzi ist die einzige bekannte Ameisenart, die aktiv in eine Flüssigkeit taucht um Nahrung zu suchen und zu jagen (Moskitolarven)! Dazu schwimmen und tauchen sie bis zu einer Stunde lang in der Flüssigkeit und tauchen immer wieder auf zu atmen.
  • 2

„Doch vor allen Dingen:
Das worum du dich bemühst,
möge dir gelingen.“
Benutzeravatar
Reber
Moderator
 
Beiträge: 1628
Registriert: Mittwoch 9. April 2014, 15:31
Wohnort: Bern
Bewertung: 3414

Re: Ameisenfressende Kannenpflanzen und Camponotus schmitzi

Beitragvon Teleutotje » Montag 25. Mai 2015, 11:43

Siehe auch "Studien an fallgrubenjagenden karnivoren Lianen der Gattung Nepenthes. Symbiontische Beziehungen zu Ameisen und Beutespezialisierung"

http://www.researchgate.net/publication ... alisierung
  • 1

Teleutotje
" Tell-oo-toat-yeh "

" I am who I am , I think ... "
Benutzeravatar
Teleutotje
Mitglied
 
Beiträge: 692
Registriert: Freitag 1. August 2014, 18:01
Wohnort: Nazareth, Belgium
Bewertung: 819


Zurück zu Wissenschaft und Medien

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Bing [Bot] und 2 Gäste

cron
Reputation System ©'