„Ameisen machen keine Winterstarre“ - oder doch?

Hier können Fragen rund um das Thema Ameisenhaltung gestellt werden.

„Ameisen machen keine Winterstarre“ - oder doch?

Beitragvon Merkur » Sonntag 3. Oktober 2021, 16:23

Inzwischen bemühe ich mich ja, möglichst wenig zu problematischen Inhalten von Foren und Discords etc. zu sagen, da die Korrektur fehlerhafter Angaben ohnehin kaum Erfolg hat und oft auf Ablehnung stößt.
Gestern allerdings fiel mir im AAM-Discord ein Beitrag auf, zu dem ich mich doch äußern möchte. Darin stehen die folgenden Behauptungen:

Winterstarre-2.10.21.jpg
aus AAM-Discord 2.10.2021
Leider geht anscheinend niemand richtig darauf ein und stellt die recht zweifelhaften Angaben richtig. Es ist allerdings auch nicht ganz einfach, bei der Fülle der Begriffe rund um die Überwinterung der Ameisen
den Überblick zu behalten. Gerade deshalb soll man derart kategorische Äußerungen kritisch hinterfragen!
Zuverlässige Informationsquellen sind ja ganz leicht zu finden, z. B.hier und hier.
Auch im Ameisenportal stehen zahlreiche Beiträge zum Thema „Winterruhe“ (Suchfunktion!), sowie ein paar zum Stichwort „Winterstarre“. Und man landet Treffer auch in anderen Ameisenforen.

Es ist jedenfalls grundfalsch, so pauschal für Ameisen zu behaupten, dass sie nicht in Winterstarre verfallen, weil es dort, wo der Großteil der Arten überwintert, angeblich nicht kalt genug dafür werde.
Dahinter steht vielleicht die verbreitete „Meinung“, dass die einheimischen Ameisen im Winter unbedingt penibel vor Frost geschützt werden müssten. :roll:

Denn sieht man sich an, wo einheimische Ameisenarten den Winter verbringen, so stößt man bei vielen Arten darauf, dass sie im Winter sehr wohl z. T. tiefen Minustemperaturen ausgesetzt sind:
Z. B. die baumbewohnenden Temnothorax- und Camponotus-Arten sowie Dolichoderus, oder die Temnothorax- und Leptothorax-Arten, samt ihren Sozialparasiten, die in Felsspalten oder in dürren Ästchen, Borkenstücken oder hohlen Eicheln auf dem blanken Waldboden überwintern, oder etwa Lasius brunneus in Koloniegründung (Fund einer kleinen Kolonie in 8 m Höhe in der Borke einer Eiche, in Darmstadt).
- Ich erinnere mich an das Sammeln von Leptothorax acervorum und ihres Sklavenhalters Harpagoxenus sublaevis im Nürnberger Reichswald, für Forschungszwecke, im März 1973:
Es hatte am Morgen minus 12°C. Die Ästchen mit den Ameisen waren am schneefreien Boden festgefroren; ich musste sie mit dem Stiefel lostreten. Die Ameisen waren so starr, dass es beim Aufsaugen im Exhaustor gerasselt hat wie Sandkörner! - Passiert ist den Tieren nichts, und der Vorteil war, dass man wirklich komplette Völker bekam. Die waren erforderlich für Auszählungen (Koloniegröße, Zahl der Königinnen, Ergebnisse der Laboraufzucht der überwinterten Brut usw.).

Selbstverständlich sind die Tiere bei solchen Temperaturen starr, und auch wenn man sie auf wenig über Null aufwärmt, sind sie nicht so beweglich, dass sie irgendeine Tätigkeit (Futtersuche, Nestbau) koordiniert ausführen könnten.
Auf ca. 15°C aufgewärmt beginnen die Arbeiterinnen zu krabbeln, während die fertilen Gynen noch immer (und oft für 2-3 Tage) zusammengekrümmt in Starre liegen. Auch überwinternde Larven benötigen einige Tage in der Wärme,
bis sie wieder Nahrung aufnehmen. Einer meiner Doktoranden hat das näher untersucht; die Dissertation umfasst 191 Seiten! Ein beträchtlicher Teil dessen, was ich zum Thema Temperatur (-rhythmen) bei der Haltung von Ameisen in leicht verständlichen Worten in AWiki und Foren geschrieben hatte, beruht auf solchen Forschungsarbeiten, neben natürlich meinen eigenen Untersuchungen.

MfG,
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Re: „Ameisen machen keine Winterstarre“ - oder doch?

Beitragvon fink2 » Dienstag 5. Oktober 2021, 16:37

auf ca. 15°C aufgewärmt beginnen die Arbeiterinnen zu krabbeln, während die fertilen Gynen noch immer (und oft für 2-3 Tage) zusammengekrümmt in Starre liegen.


Gibt es eine Erklärung warum Gynen so viel länger brauchen, wie z.B fast gleich große Camponotus Major Arbeiterinnen?
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Re: „Ameisen machen keine Winterstarre“ - oder doch?

Beitragvon Merkur » Mittwoch 6. Oktober 2021, 10:27

Hallo fink2,

Kurzfassung: Es gibt meines Wissens keine gesicherte Erklärung, auch nicht für den Unterschied zwischen (fertilen) Königinnen und Arbeiterinnen bei derselben Art, Leptothorax acervorum (und bei ihrem Sklavenhalter Harpagoxenus sublaevis).

Langfassung: Wir haben nur die Beobachtung gemacht, immer wieder. Welche physiologischen Grundlagen dafür verantwortlich sind, dürfte noch nirgends untersucht worden sein.
Die Frage nach dem Unterschied ist auch aufzuspalten in:
- Evolutionär: Hat das unterschiedliche Verhalten von Königin und Arbeiterin eine Anpassungsfunktion? Falls ja: Welche? - Evtl. ermöglicht es den Arbeiterinnen bei kurzzeitiger Erwärmung notwendige Arbeiten im Nest zu erledigen, während eine Stimulierung der Königin zum Beginn der Eiablage erst sinnvoll ist, wenn bei anhaltender Wärme sich die Eier auch entwickeln können (Eier sind nicht frostfest). Beobachtung bei Temnothorax unifasciatus an sonnenexponiertem Nest in Steinspalten: Im Februar, nachts minus 10°C, tagsüber bei Sonne werden verstorbene Arbeiterinnen aus dem Nest getragen. In anderen Nestern, die nicht von der Sonne beschienen wurden, lagen gleichzeitig die Adulten und die Larven völlig starr und von kleinen Eiskristallen bedeckt.
- Physiologisch: Wie wird das Ganze gesteuert? (Enzyme, Hormone, Konzentrationsverhältnisse in Hämolymphe, in Organen und Zellen). - Es scheint mit der Fruchtbarkeit zusammenzuhängen, denn nur begattete Gynen mit voll entwickelten Ovarien sind „Langschläfer“. Unbegattete Gynen (bei L. acervorum häufig) verhalten sich wie Arbeiterinnen.

MfG,
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