Bei
Temnothorax kinomurai handelt es sich also wahrscheinlich um einen „degenerierten Sklavenhalter“, der keine Sklavenraubzüge mehr macht und keine Sklavenhalter-Arbeiterinnen produziert, so wie einige
Myrmoxenus-Arten (
Myrmoxenus corsicus,
M. adlerzi; jetzt sind sie alle zu
Temnothorax gestellt worden). Schon bei diesen Arten, die wir in Darmstadt untersucht haben, gibt es sehr
wenige Männchen, die aber ausgereicht haben um ihre Schwestern im Nest zu begatten. Bei
T. kinomurai wäre das nun noch ein weiterer Schritt in der Evolution: Parthenogenese (Thelytokie) und völliger Verzicht auf Männchen-Produktion; weibliche Tiere geflügelt oder intermorph, beide reproduktiv, ohne Sperma im Receptaculum.
Die Köpfe der
T. kinomurai-Gynen erinnern mich direkt an die der anderen parasitischen bzw. sklavenhaltenden ehemaligen
Myrmoxenus-Arten!
Pressemitteilung der Uni Regensburg:
https://www.uni-regensburg.de/universitaet/aktuelles/nachrichten/nachricht/24-02-2026_einzigartige-ameisenart-entdecktnbsp A parasitic, parthenogenetic ant with only queens and without workers or males” doi.org/10.1016/j.cub.2025.11.080
Nach sorgfältigem Lesen der Original-Publikation:
Hier wird klar, dass es sich um eine Angehörige der ehemaligen Gattung
Myrmoxenus handelt. Die junge Königin dringt in das Nest der Wirtsart ein und beseitigt dessen Königin, durch Stechen der Königin und einiger Arbeiterinnen.
Thirty-one mixed colonies of
T. kinomurai and
T. makora collected between 1978 and 2020 in Honshu and Shikoku,
Japan, contained a few dozen host workers and one to three gynomorphic, i.e., initially winged, or wingless, intermorphic queens (Figures 1B and S1A), suggesting queen polymorphism. None of these colonies had workers or males that could be assigned to
T. kinomurai.
Dem Supplement ist zu entnehmen:
According to observations by K. KinomuraS2, young
T. kinomurai queens leave their natal nest from late June to July and invade
T. makora nests. While some
T. makora workers ignore the invaders, others bite their heads
and antennae in an attempt to expel them from the nest.
Successful
T. kinomurai queens kill some of the more aggressive
T. makora workers and later also the host queen(s) by
stinging. After usurpation, the unmated queens begin to lay unfertilized eggs, which the host
workers care for. Dissection results show that the spermathecae of the queens do not contain any sperm (Figure S1B). New queens emerge from the overwintered brood in early summer.
A preliminary phylogeny based on partial sequences of the internal transcribed spacer 2 (ITS2) of nuclear ribosomal DNA indicates that
T. kinomurai and the rare, little-known, supposed slave-making ant
T. bikara have identical sequences, differing from that of
T. makora.
Leider enthält die "vorläufige Phylogenie" keine der bekannten
Myrmoxenus-Arten, wie mir J. Heinze mitteilte, weil davon keine Sequencen vergleichbarer Teil des Genoms zur Verfügung standen.
Die Thelytokie (parthenogenetische Entstehung von Weibchen) gibt es auch bei ein paar anderen Ameisenarten; ihre Entstehung ist relativ leicht erklärbar., und der Verlust der Arbeiterin-Kaste ist in der Gattung
Myrmoxenus mehrfach aufgetreten, ebenso in der sklavenhaltenden Gattung
Chalepoxenus.
Die hier referierte Entdeckung zeigt einerseits, dass in Ostasien ähnliche sozialparasitische Ameisen vorkommen wie in Europa, andererseits fällt angesichts der zahlreichen parasitischen Arten in der Verwandtschaft der europäischen wie auch der nordamerikanischen
Temnothorax- und
Leptothorax-Arten auf, dass aus dem riesigen Raum der gemäßigten Klimazone Asiens kaum solche Arten beschrieben sind. Da wäre weitere Forschung gewiss erfolgversprechend!