Ameisen als Zwischenwirte des Kleinen Leberegels

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Ameisen als Zwischenwirte des Kleinen Leberegels

Beitragvon Merkur » Montag 13. September 2021, 14:52

User Phil berichtet hier und hier (4 ausgezeichnete Bilder!) vom Fund einer „Wiesen-Waldameise“ (Formica pratensis), die als Zwischenwirt die Larven (Metazerkarien) des Kleinen Leberegels (Dicrocoelium dendriticum) enthielt, in einem NSG nahe Darmstadt.

Befallene Ameisen beißen sich v. a. nachts an Pflanzen und Blüten fest, so dass sie von weidenden Tieren versehentlich mit gefressen werden. Die Metazerkarien wandern im Verdauungstrakt der Endwirte (viele Säugetiere, z. B. Schafe, Ziegen, Hasen, Kaninchen, Hund, selten auch Mensch!) in die Gallengänge ein, wo sie zu adulten Leberegeln heranwachsen.
Deren Eier werden mit dem Kot der Endwirte ausgeschieden. Der erste Zwischenwirt, eine Heideschnecke (Xerolenta obvia; früher Helicella obvia), oder auch die Zebraschnecke (Zebrina detrita), frisst diesen Kot und nimmt dabei die Eier auf. In diesen befindet sich bereits eine Larve (Miracidium), die in die Mitteldarmdrüse (den Hepatopankreas, die "Leber") der Schnecke wandert und zu einer Sporocyste erster Ordnung heranwächste. Diese Sporocyste 1. Ordn. vermehrt sich „vegetativ“ (ungeschlechtlich); ihre Nachkommen, die Sporocysten 2. Ordnung, vermehren sich nochmals vegetativ zu zahlreichen Zerkarien. Diese werden mit Schleimbällchen über die Atemöffnung der Schnecken ausgeschieden.
Ameisen, hier Angehörige der Gattung Formica s. str., aber auch die Serviformica-Arten, fressen die Schleimbällchen. Die Zerkarien durchbohren die Kropfwand der Ameise und siedeln sich in deren Körper an, wobei sie sich einkapseln und als Metazerkarien „darauf warten“, vom Endwirt aufgenommen zu werden.
(Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Kleiner_Leberegel )

Der Fund im Bereich der Griesheimer Düne (nahe Darmstadt) ist insofern interessant, als der komplizierte Lebenszyklus des Kl. Leberegels ganz in der Nähe, bei Flörsheim (nahe Frankfurt), erstmals voll aufgeklärt wurde. Das war 1961, im Anfang meiner Studentenzeit! Über die folgenden Jahrzehnte wurden wohl alle Studierender der Zoologie mit diesem Parasiten-Entwicklungszyklus gequält, aber es hat auch Spaß gemacht, die zur Verfügung gestellten fixierten Leberegel zu ästhetisch ansprechenden mikroskopischen Präparaten zu verarbeiten! ;)

Bild aus https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/54/Dicrocoelium-adult.jpg
Dicrocoelium-adult-b.jpg
als Beispiel
Der bräunlich gefärbte, vielfach gewundene Schlauch enthält unzählige Eier.

Die originale Arbeit ist im Internet nicht leicht zu finden, aber ich habe einen Sonderdruck vom Erstautor, den ich in Kopie einfüge:
Dicrocoelium2.jpg
Wilhelm Hohorst, Gernot Graefe (1961): Ameisen – obligatorische Zwischenwirte des Lanzettegels (Dicrocoelium dendriticum). Naturwissenschaften 48, S. 229–230.
W. Hohorst war seinerzeit bei den Farbwerken Höchst beschäftigt.

Ein von Hohorst herausgestelltes Detail fasziniert mich noch immer: Wenn die Zerkarien den Kropf der Ameise verlassen, indem sie die (mit Chitin ausgekleidete) Kropfwand durchbohren um in die Leibeshöhle zu gelangen, verschließen sie das Loch wieder. Die Verschlussstopfen kann man bei einer infizierten Ameise unter dem Mikroskop auszählen, so dass man genau weiß, wie viele Metazerkarien in der Leibeshöhle vorhanden sein müssen. Eine fehlte stets. Das brachte die Forscher damals dazu, bei der Suche den „Hirnwurm“ zu entdecken! Eine (oder zwei) Zerkarien wandern ins Ameisengehirn und verursachen, dass die Ameise sich bei niedrigen Temperaturen (v. a. nachts) außerhalb des Nestes an Pflanzen festbeißen.
Infektionsversuche zeigten, dass die „Hirnwürmer“ sich in Endwirten nicht weiterentwickeln: Sie „opfern“ sich sozusagen für ihre Geschwister. Siehe anhängende Kopie der Veröffentlichung von Hohorst und Graefe (1961).

Zu denken gibt mir auch, dass seit einigen Jahren im NSG Griesheimer Düne (und auf dem benachbarten ehemaligen August-Euler-Flugplatz) neben Schafen auch Esel zur Beweidung eingesetzt werden. Unter deren Einfluss wird die erwünschte Sand-Trockenrasen-Vegetation am besten erhalten. Ob diese Tiere auch vom Kleinen Leberegel befallen sind? - Könnte man mal untersuchen. Vermutlich werden sie regelmäßig mit Wurmmitteln behandelt. Aber als natürliche Endwirte kommen Kaninchen, Feldhase, Reh etc. in Frage, und neben den hügelbauenden Formica s.str. können auch die Serviformica-Arten die Metazerkarien des Kleinen Leberegels beherbergen.

Parasitologie ist ein ungemein spannendes Forschungsgebiet, und wäre ich nicht bei den Ameisen gelandet, hätte ich vielleicht ... - Ach ja: Mit den sozialparasitischen Ameisen kam ich dann ja doch noch in einen ganz eng verwandten Themenbereich! :)

MfG,
Merkur
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