„Mit der Kuh auf Hochzeitsreise“

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„Mit der Kuh auf Hochzeitsreise“

Beitragvon Merkur » Mittwoch 22. September 2021, 11:06

So hatte ich 2004 einen populären Artikel in der Zeitschrift „Ameisenschutz aktuell“ der Deutschen Ameisenschutzwarte (DASW) betitelt. Es ging darum, dass bei wenigen Ameisenarten die jungen Königinnen beim Start zum Hochzeitsflug eine Wurzellaus aus der Mutterkolonie mitführen, so dass sie gleich bei der Koloniegründung auch eine Kolonie von Honigtau liefernden Symbionten anlegen können. Ein Individuum genügt dafür: Es pflanzt sich parthenogenetisch fort!

Kürzlich stieß ich wieder mal auf der Webseite von Alex Wild auf ein Bild der Paarung von Acropyga epedana hier. Es zeigt die Kopula eines Pärchens dieser Art, wobei die junge Königin ihre Pseudococcide (Schildlaus) in den Mandibeln hält. Diese Art lebt in Mittelamerika und im Süden der USA.
Die Gattung ist in der Alten und Neuen Welt verbreitet, doch haben wir im Oktober 1985 erstmals in Europa, in Griechenland, einen Schwarmflug von A. paleartica angetroffen, bei dem wir ein paar fliegende Jungköniginnen mit ihren Schildläusen fangen konnten.
Damals, auf einer Forschungsreise, glaubten wir alle, dass es sich um eine Art der Gattung Plagiolepis handele, was uns auch von Kollegen bestätigt wurde, s. Kopie der Veröffentlichung unten.
Für unsere Publikation habe ich mit konservierten Exemplaren seinerzeit eine ziemlich lebensechte Darstellung fotografiert.

Acropyga-paleartica-Gyne.jpg
Acropyga paleartica aus Griechenland

Es war (und ist bis heute) die einzige Art der Gattung im Mittelmeergebiet. Die Gyne wurde in einer Revision von LaPolla (2004) beschrieben, das Männchen 2006, ebenfalls durch LaPolla, nach Tieren von unserem Fund. Bis dahin waren von der durch Menozzi 1936 nach Arbeiterinnen beschriebenen und benannten Art keine Geschlechtstiere bekannt!
Die Schmierlaus-Art wird mit Eumyrmococcus carinthiacus Williams, 1993 angegeben. Es wird vermutet, dass diese ausschließlich in Vergesellschaftung mit Acropyga paleartica vorkommt.
Hier im AP hatte ich im Oktober 2015 über diese Geschichte geschrieben, nachdem ich (leider vergeblich) nochmals an der Fundstelle nach der Art Ausschau gehalten hatte. Die Darstellung ist eingebettet in einen Reisebericht.
Vielleicht mag den nochmals jemand lesen?

- Es gab eigentlich in allen Foren (Antstore-Forum, Ameisenforum, DASW-Forum, ACafé u.a.) solche mit viel Aufwand und Engagement erstellten Beiträge, von mir und von anderen Usern. Anscheinend sind sie weitgehend in Vergessenheit geraten: Mir fällt immer wieder auf, dass z. B. die „Bewertungen“ nur sehr zeitnah eingetragen werden: Es gibt wohl kaum User, die mal in den Foren z. B. mittels Suchfunktion ältere Beiträge aufsuchen. In jüngerer Zeit macht sich auch kaum noch jemand die Mühe, solche Berichte zu liefern. Weshalb eigentlich?

Hier kopiere ich die Origialarbeit ein. Sie ist auf Englisch, wie das inzwischen halt üblich ist; man möchte solche überregional interessanten Beobachtungen eben auch Forschern zugänglich machen, die unsere Sprache nicht beherrschen:

Acropyga-paleartica-1987.jpg
Der Bericht über unsere Entdeckung.

MfG,
Merkur
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Re: „Mit der Kuh auf Hochzeitsreise“

Beitragvon Phil » Mittwoch 22. September 2021, 13:30

Das ist schon eine faszinierende Symbiose. Kürzlich hatte ein Masterstudent, der gerade an Proben von mir aus Ecuador arbeitet, eine interessante Entdeckung gemacht. In einem der Raubzüge waren etliche kleine Pflanzenläuse, was nun nicht gerade die typische Eciton-Ernährung ausmacht (die besteht vor allem aus anderen Ameisen). Die Lösung: Die selbe Probe enthielt etliche beflügelte Acropyga-Königinnen. Die Eciton haben die Königinnen wohl bei einem Schwarmflug erwischt, und als ich sie aus dem Eciton Raubzug herauspflückte, hatten sie wohl noch ihre Läuse herumgetragen. Erst im Alkohol ließen sie ihre Läuse dann los.

Grüße, Phil
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